Magic Mix

Roland Schöny, 03.05.17

»Street Art« in einer Ausstellungshalle, die noch dazu gar keine ist, also etwas, das sich draußen im urbanen Raum oft wild, als Kommentar auf das soziale und architektonische Umfeld ereignet in den Rahmen einer Überblicksschau zu pressen, die sich noch dazu anmaßt, die Diversität verschiedener Strömungen und lokalspezifischer Ausprägungen der Kunst von draußen auf der Straße zu erfassen, allein diese Vorstellung war zunächst mit einer gehörigen Portion Skepsis verbunden.

Nur allzu leicht hätte dieses Projekt ins gezähmt Dokumentarische abfallen oder – angesichts der Dimensionen der Münchner Olympiahalle – visuell verpuffen können. Doch im Gegenteil: Von den ersten Metern an strömt diese Ausstellung wie ein Flash auf die Sinne ein. Sie saugt ihr Publikum in eine dem urbanen Raum nachempfundene Szenografie. Breite Durchgangsbereiche erweitern sich stellenweise zu Plätzen, um dann wieder in beruhigte, fast intime Zonen zu führen. Die 4 – 6 Meter hohen Wände wurden oft ganzflächig und direkt vor Ort mit den unterschiedlichsten Motiven bearbeitet. Man erlebt große Panoramen und erhält zwischendurch Gelegenheit sich heran zu zoomen in Feinbereiche; an kleinformatige Werke von Banksy etwa. Oder man zollt den reihenweise wie Flugblätter an der Wand befestigten »Lost« Stickern des aus Dublin stammenden Asbestos Beachtung. Dessen Bildkreationen für den öffentlichen Raum sehen mitunter aus wie zerschnipselte Gemälde oder Ausschnitte größerer Kunstwerke.

Zwischen politischer Intervention und Kunstmarkt
Da wird schon klar, dass nur die wenigsten der Positionen ausschließlich auf der Straße präsent sind. Banksy ist wohl das prominenteste Beispiel. Auch Asbestos hat längst Karriere in Galerien gemacht. Ebenso konnten sich dessen südafrikanische Kollegin Faith47 und deren Partner Imraan Christian etablieren. Jeweils situationsadäquat bringt Faith47 schraffierte zeichnerische Arbeiten in den öffentlichen Raum: Pflanzenmotive oder riesige Fantasy-Tiere, welche sie in die natürliche Patina von Außenwänden einschreibt. Hier zeigen die beiden einen spannenden Beleg dafür, wie Street-Art Konzepte die Veränderung der Wahrnehmung durch die digitalen Medien reflektieren. Auf einem der Wandgemälde scheinen Pixelflächen zu verrutschen. Es entschlüsselt sich ein durchschimmerndes Szenario der Gewalt. Eine Kohorte behelmter Polizisten – gewaltbereit – steht Schwarzen gegenüber. Möglicherweise ein Ausschnitt aus einer Protestkundgebung direkt an der Frontlinie zwischen Einsatzkräften und Demonstranten.
Das südafrikanische Künstlerduo wird nicht müde, über die verrotteten Verhältnisse am Kap zu sprechen. Das Bildungssystem in Südafrika sei völlig herunter gekommen; auch nach der Apartheid seien die Klassengegensätze sichtbarer denn je.

»Stand clear to the closing door please!«. Dazu fordert eine der prominentesten Stimmen von New York City auf. Charlie Pellett’s signifikante Ansagen prägen das Subway System akustisch. Sowie die gesamte Ausstellung mit räumlich jeweils unterschiedlichen Sounds aus Break Beats und städtischen Originalgeräuschen unterlegt ist, erinnert das Intro der Schau gleich an einen der Brennpunkte in der Bronx: »Grand Concourse« ist nicht nur die längst Durchfahrtstraße. So heißt auch die gleichnamige Station der Green Line, die Manhattan mit jenem schwarzen New York verbindet, das für die Anfänge steht: Graffiti, Hip Hop und Break Dance. Der Film »Style Wars« (1983) von Tony Silver und Henry Chalfant dokumentierte dies eindrücklich.

Von den ersten Tags zu einer neuen Bildkultur
Die Arbeiten der legendären Fotografin Martha Cooper führen in den subkulturellen Kontext der Bronx zurück. Mehr als 40 Jahre ganz nah an den jeweiligen Szenen wurde Cooper zur Chronistin der amerikanischen Urban Art. 1979, noch bei der New York Post, begann sie die ikonografischen Graffitis und deren jugendliche Sprayer fotografisch mitzuverfolgen. Ihr Buch »Subway Art« (1984) trug zur internationalen Positionierung der Bewegung bei. »Mit ihren Tags war Graffiti zu dieser Zeit schriftorientiert.«, erklärt Cooper. Mittlerweile reflektiere Urban Art die aktuelle visuelle Kultur, erklärt sie.

Wo dieses Mega-Projekt solche Wechsel herausarbeitet, wird es auch spannend. Ebenso sieht man der Ausstellung an, dass der New Yorker Kurator Carlo McCormick als ausgewiesener Urban Art Fan und Spezialist den Versuch unternahm, Tendenzen der Post-Grafitti-Art oder Reaktionen auf die Stadt als Kontrollraum an Hand relevanter künstlerischer Konzepte darzustellen. Ganz logisch war auch, die meisten der KünstlerInnen zu Interventionen direkt vor Ort einzuladen.

Mehr Style als Diskurs
Genau in diesem Engagement für eine Art Authentizität aber kippt die gesamte Inszenierung mit ihren Marktplätzen und Zebrastreifen, einer Stadthalle und – man glaubt es kaum – sogar einem Rotlichtviertel zu sehr in Richtung Event. Zwar wird angedeutet, wie viele der ProtagonistInnen in der Illegalität begonnen hätten oder mit ihren Interventionen im öffentlichen Raum unter Strafe gestellt worden waren, bevor Stadtverwaltungen und Investoren ihre Einstellung änderten. Doch viel zu oft, viel zu geglättet und letztlich viel zu allgemein und ahistorisch spricht diese Ausstellung von einer »Hommage an die Stadt« als ihr Hauptmotiv.

In diesem Moment nivelliert sie virulente Debatten um Ökonomisierung und Disneyfizierung des Stadtraums. Während aktuell sogar randständige Viertel als sozialvoyeuristischer Thrill in die Tourismuskonzepte rutschen, dienen zahlreiche Urban Art Projekte, ähnlich wie Filmkulissen, dem gleichen Ziel: nämlich der Kommerzialisierung. Insofern kommen die Arbeiten eines Leon Keer, der auch für Konzerne wie Coca Cola, Heineken oder Absolut produzierte und derzeit mit Technologien wie Augmented Reality in frequentierten Stadtgebieten experimentiert, aus einem völlig anderen Kontext als die medienbasierten, politischen Werke des südafrikanischen Künstlerduos. Was bei Keer Entertainment ist, behält bei Faith47 & Imraan Christian eine gesellschaftspolitische Dimension.

Insgesamt also ein beeindruckender Überblick, den die produzierende Agentur »sc exhibitions« als szenografisch inszenierte Wanderausstellung umgesetzt hat. Noch dazu wird die Ausstellung von den KünslerInnen von Ort zu Ort jeweils neu adaptiert. Auf der Ebene jener Folie jedoch, in die sich Urban Art Projekte naturgemäß einschreiben, auf der Ebene des städtischen Raums als sozialer und ökonomischer Zusammenhang, blieb ein breites Potential an Diskurs und Vermittlung unbearbeitet.


Tipps

 

Kleine Olympiahalle
80809 München, Spiridon-Louis-Ring 21
https://www.magiccity.de/
Öffnungszeiten: Di-So 10-18, So 10-22 h




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Kleine Olympiahalle
Magic City - Die Kunst der Straße

13.04.2017 bis 03.09.2017

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