Beiläufige Kunst

Goschka Gawlik, 15.01.17

Philosophisches Denken stand im Zentrum der künstlerischen Praxis von Franz West. Dieses dialogisch und konterkariert aufzufassen war, so West, ein „Wittgensteinischer Gedanke, Teil einer Zusammengehörigkeit zu sein, einer Übereinkunft, aus der etwas entsteht, durch eine Interaktion“. Die resultierenden Produkte sind kursorisches Beiwerk des Eigentlichen, des philosophisch-emanzipatorischen Dialogs über das was ist und sein könnte. Wests Arbeitsweise war insofern idealerweise ein interaktiver Denkprozess bestehend aus der Kombination und Rekombination eigener Werke und jener seiner Freunde, welche, wie die Koordinaten eines Archipels, seine Idee eines Artistclub diskursiv ausbauten und mitgetragen haben. Der Turm von Heimo Zobernig für den Künstlerfreund, in Form eines schwarzen Kubus bildet den ruhenden Pol des Artistclub Franz West, indem er die von West präferierte Methode der Kollaboration posthum in dieser bestechenden Schau im 21er Haus räumlich und zeitlich verankert.

Die optimalen räumlichen Gegebenheiten des ehemaligen 20er Hauses, revitalisiert durch die scheidende Direktorin Agnes Husslein-Arco generieren den Ort für die Situation dieser Franz West verbundenen Werkgruppen, entstanden aus der „Komplizenschaft“ – nach Kurator Harald Krejci – mit bedeutenden KünstlerfreundInnen. Schon die Wahl des Parcours, ausgehend vom Environment von Franz West & Anselm Reyle mit gemeinschaftlich errichteter Bar, die während der Ausstellung als solche benützt werden soll, gestaltet sich für die Besucher der Ausstellung als Passage durch abwechslungsreich modellierte Resonanzräume. Das Ergebnis zeigt eine überraschende Synchronisation der unterschiedlichen Rhythmen und Formen zwischen dem, was wir glauben zu kennen und dem, was anders sein oder aussehen könnte. Bereits bei dieser ersten „Kollaboration“ stellt sich die brisante Frage, ob die Kunst und ihre zahlreichen imposanten Institutionen die Welt und den Menschen verändern können.

Der Mythos des Künstlers als „Einzeltäter“ weicht der Dynamik kollaborativen Arbeitens, dessen Ergebnis in der aktiven Teilnahme des Betrachters aktualisiert wird. Dieser Idee folgend, möchte die Ausstellung zum Ort gemeinsamen Handelns werden, auch in einer Reihe von Begleitveranstaltungen und Performances von Marina Faust & Sonia Leimer oder Richard Hoecks Paris Refake Sieben Säulen. Eine (Re-)Inszenierte (Selbst-)Bespiegelung mit Passstücken von West entsteht partizipativ in der Kabine von Franz West & Michelangelo Pistoletto im Ambiente aktueller Zeitungsberichte zur Medienreflexion als Wandtapete. Die Schau bietet außerdem ein Reframing der spektakulären Rauminstallation Extroversion von Franz West, als er bei der 54. Biennale von Venedig den Inhalt seiner Küche samt 43 Kunstwerken von Freunden nach Außen stülpte und zugänglich machte. Wests Prinzip der Kombinatorik und Rekombinatorik seines alltäglichen Ambientes, indem er eigene, ältere Werke oft mit neuen kombinierte, ergänzt um Werke der Freunde, eröffnet Möglichkeiten des gemeinschaftlichen künstlerischen Nomadentums im permanenten Wandel.

In der Installation von Franz West & Douglas Gordon wird Kunst beiläufig erfahrbar beim (unbequemen) Liegen als psychoanalytischer Entstpannungsdialog im Satz Everytime you think of me / we die / a little. Eine von Wests Liegen mit der Decke Salammbô bietet Gelegenheit zur Siesta in der gleichnamigen Installation von Franz West & Rudolf Polanszky bei gleichzeitiger Kontemplation anhand des Gemäldes Ohne Titel des Künstlerfreundes. Zur Reflexion bei romantischem Mondschein lädt die Rauminstallation Moonlight die in Zusammenarbeit mit seiner 2016 verstorbenen Ehefrau Tamuna Sirbiladze ein, während die Lichtinstallation der mit röhrenförmigen Tentakeln ausgestatteten Lampen Fleur Mal (Franz West & Andreas Reiter Raabe), eine eher schräg-befremdliche Atmosphäre erzeugt. Drohnen-ähnliche Leuchtkörper reagieren als neurotische Indikatoren dialogisch auf Bewegung und Geräusche im Raum durch bunte Lichtsignale. Weitere präsentierte Objekte zeigen genussvolle Applikationen der Passstücke durch Sarah Lucas in Form eines täglich zu erneuernden Spiegeleis und die Intervention durch Albert Oehlen, der dasselbe bemalte. Eine kleinbürgerlich anmutende Gedankeninsel mit dem angestrebten Ziel der Verdichtung zur puristischen Reflexion bilden die weißen Stühle Wests im stummen Dialog mit Zobernigs Sub Strat, einem weißen Kubus als quasi Tisch (Franz West & Heimo Zobernig, Essenz). Als erklärter Denkraum animiert diese Ausstellung zu jeglicher Form des stimulierenden und reflektierten Aktionismus aus der Symbolkraft eines permanent erneuerbaren Dérive im Sinne Guy Debords. Dabei bieten die Kunstwerke des Franz West Artistclub den gedanklichen Anreiz zur Verwirklichung der avantgardistischen Idee einer Transformation von Kunst ins tatsächliche Leben.


Tipps

 

21er Haus
1030 Wien, Schweizergarten/Arsenal-Straße 1
Tel: +43 1 795 57-0
email: info@belvedere.at
http://www.21erhaus.at/
Öffnungszeiten: Mi-So 10-18 h




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21er Haus
Franz West - Artistclub

14.12.2016 bis 23.04.2017

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