Ihrer Zeit voraus

Nina Schedlmayer, 06.02.17

„Ich glaube fest, dass, wenn ich nicht eine Frau wäre, so würden meine Arbeiten auch hier in Wien nicht nur als selbständige, sondern auch als ihrer Zeit vorausgegangene angesehen.“ Dieses Zitat der Malerin Tina Blau, gern den Stimmungsimpressionismus zugeordnet, steht am Beginn einer Ausstellung im Jüdischen Museum Wien. „Die bessere Hälfte. Jüdische Künstlerinnen bis 1938“ nannten die Kuratorinnen Sabine Fellner und Andrea Winklbauer ihr Projekt, das mit einer Reihe von Neu- und Wiederentdeckungen des frühen 20. Jahrhunderts punktet. Denn, wie schon im ersten Raum klar wird: Einer unglaublichen Zahl von Künstlerinnen jüdischer Herkunft blieb – ungleich Tina Blau – bis heute die ihnen gebührende Anerkennung verwehrt. Nun sind sie hier alle versammelt, gleich am Eingang in Porträtfotografien dargestellt: Teresa Feodorowna Ries in einem geblümten Kleid, Ilse Twardowski-Conrat, meißelnd an einer Büste, Tina Blau mit ihrem Wägelchen, das sie zum Pleinair-Malen benutzte.

Die Schau beleuchtet, klug arrangiert, ihre Kunstwerke nicht in chronologischen Kapiteln, sondern unter anderen Gesichtspunkten. Da wird etwa die Ausbildung – viele Frauen studierten bei Franz Cizek, war ihnen doch der Zugang zur Akademie der Bildenden Künste verwehrt – fokussiert, wird die Verankerung in künstlerischen Zirkeln dargestellt oder werden einzelne Themen wie Sozialkritik oder Metropolen und später die Auseinandersetzung mit dem drohenden NS-Regime unter die Lupe genommen. Zwar trifft man auch auf mehr oder weniger Bekanntes – die politischen Collagen einer Friedl Dicker, die ausdrucksstarke „Hexe“ einer Ries oder die Darstellungen erstarrter Weiblichkeit von Broncia Koller – aber die überwiegende Mehrheit stellen jene Positionen, von denen man kaum je gehört hat: Ilse Bernheimer mit ihren erstaunlichen frühen Abstraktionen, Lili Réthi mit ihren außergewöhnlichen engagierten Arbeiter-Darstellungen, Margarete Hamerschlag mit ihren ungeschönten Holzschnitt-Szenerien, Stella Junker-Weissenberg mit ihren schrägen Maschinentheater-Entwürfen, Lili Steiner mit ihren späten, symbolisch aufgeladenen und verschlüsselten Kriegsvisionen. Es ist, als wäre ein Schatz gehoben worden: eine großartige, bemerkenswerte Ausstellung, hinter der eine gewaltige Forschungsleistung steckt.


Tipps

 

Jüdisches Museum Wien
1010 Wien, Dorotheergasse 11
Tel: +43(1) 535 04 31
Fax: +43(1) 535 04 24
email: info@jmw.at
http://www.jmw.at
Öffnungszeiten: So-Fr 10-18, Do 10-20 Uhr, Sa geschlossen




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Jüdisches Museum Wien
Die bessere Hälfte. Jüdische Künstlerinnen bis 1938

04.11.2016 bis 01.05.2017

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