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Eine Stilprägende Manifesta?

„Ob diese Ausgabe der Manifesta 11 in Zürich als Modell für Kunst-Biennalen der Zukunft gelten kann?“ frägt sich die Gründerin und Direktorin Hedwig Fijen. Sie hatte 1996 diese faszinierende Biennale für zeitgenössische Kunst in Rotterdam zum ersten Mal lanciert mit dem Ziel, mit Hilfe der Kunstwerke sozio-politische und kulturelle Bedingungen im heutigen Europa anhand der Gastgeberstadt zu untersuchen. Diese Fokussierung ist gelungen und hat damit die Manifesta im Kreis der Biennalen eindeutig positioniert. Jeweils benannte KuratorInnen haben von den jeweiligen Städten aktuelle Fragen unserer Zeit abgeleitet und dementsprechend KünstlerInnen ausgewählt, die an solchen interessiert sind. D.h., letztendlich hat die Manifesta eine Tendenz innerhalb des zeitgenössischen Kunstschaffens betont – doch auch gleichzeitig viele KuratorInnen und KünstlerInnen geprägt. Die Manifesta ist auch eine gesellschaftspolitische Vision, welche zum Austausch in Europa beitragen möchte – innerhalb der aktuellen Kunstszene in Europa ist ihr das gelungen . Als nächsten Schritt dehnte die Manifesta mit der zehnten Ausgabe 2014 in St. Petersburg ihren regionalen Fokus jenseits der EU aus. Nun ist Zürich an der Reihe – die Schweizer Finanzmetropole jenseits, aber eigentlich mitten in der EU gelegen.

Der für diese Biennale zuständige Kurator Christian Jankowski hat als übergeordnetes Thema Arbeit und Gelderwerb gewählt: „What People do for Money?“ In fünf Kapiteln, die unterschiedlichen Örtlichkeiten zugeordnet sind, setzt er diese Frage mit einer jeweils anderen Präsentations- und Herangehensweise um. Mit „The Historical Exhibition: Sites under Construction“ sind die klassischen Ausstellungen umschrieben, die in den Räumen von Zürcher Kunstinstitutionen im Löwenbräu-Areal und Helmhaus stattfinden. Dieses Kapitel, welches das Thema mit Kunstwerken vom Beginn des 20. Jahrhunderts bis heute facettenreich darlegt, hat Christian Jankowski mit Hilfe von Francesca Gavin kuratiert. Sehr viele hervorragende Kunstwerke sind zu sehen. Mit Hinblick auf eine überschaubare Rezeption sind diese Präsentationen häufig zu dicht. Weniger wäre auf dem Hängesystem, das Baustellengerüste zitiert, oft pointierter gewesen. Wie bei jeder Manifesta sind auch dieses Mal zahlreiche Neuproduktionen entstanden. Das Neue ist, dass diese als performative Interaktion angelegt sind - eine Methode, welche Christian Jankowski für seine eigene Kunst vor ca. 20 Jahren entwickelt hat. Nun hat er 30 internationale KünstlerInnen eingeladen jeweils mit einer Person aus einer anderen Berufsgruppe zusammen zu arbeiten. Partizipation, Offenheit, Zufall sind Faktoren, welche dabei auf die Kunstentstehung Einfluss nehmen. Das Wissen und die Erfahrungen der Kunstfremden werden für die Kunstproduktion aktiviert. Viele KünstlerInnen kamen auf diese Weise zu spannenden Ergebnissen. Mike Bouchet hat mit Philipp Sigg, einem Verfahrensingenieur des Klärwerk Werdhölzli, die Installation „The Zurich Load“ geschaffen. Die Fäkalien der Zürcher Bevölkerung von einem Tag sind zu rechteckigen Kuben komprimiert, trotz eigens entwickeltem Duftstoff ist der Geruch kaum auszuhalten. Santiago Sierra hat mit dem Sicherheitsberater Marcel Hirschi das Helmhaus als „Protected Building“ so versperrt, dass die BesucherInnen Mühe haben, den Eingang zu finden. Una Szeemann hat sich unter Hypnose setzen lassen, um einer einst erlebten Vision mit „Die Reise des Samens“ Gestalt werden zu lassen.
In der Stadt verteilte Satelliten-Ausstellungen verweisen auf das Lebensumfeldes der 30 Personen, die bei der Kunstproduktion mitbeteiligt wurden. Sie werden teilweise zum Gastgeber und präsentieren an ihrem Arbeitsort oder in dessen Nähe Kunstwerke oder Reflexionen auf diese. Der Psychoanalytiker Dr. Olaf Knellessen beispielsweise seine Interpretation des Werkes von Una Szeemann. Wer diese Satelliten besichtigen möchte, sollte sich vorher gut über den aktuellen Stand der Zugangszeiten informieren, denn das Leben schlägt seine Kapriolen. Das Konzept ist gut, die Umsetzung kann wie bei den Versuchen der Autorin zu Enttäuschungen führen, da das Werk, das man sich erhoffte, sehen zu können, mal nur eine schnöde verweisende Texttafel, mal noch nicht installiert, mal aus einer bescheidenen Kunstintervention bestand oder gar geschlossen war.

In wie weit dieses Konzept der Joint Ventures ein auf beiden Seiten gut funktionierendes Tauschgeschäft ist zwischen Kunst und Leben, ist nicht leicht zu beurteilen. Aufgezeigt wird auf jeden Fall damit die Bedeutung des Alltags für zeitgenössische Kunstproduktion und deren gesellschaftliche Verankerung. Der Einfluss von kunstfremden Wissensbereichen wird ebenfalls verdeutlicht und damit der Mythos vom handwerklichen künstlerischen Geschick eindeutig in die Vergangenheit verabschiedet.

Willkommene Nebeneffekte könnte die Einbindung von weiteren Personen und ihrem Alltag hinsichtlich kunstvermittelnder Ambition haben: Dem Publikum, das häufig sich mit zeitgenössischer Kunst schwer tut, werden diverse Einstiegsmöglichkeiten geboten, die auch ohne ein Fachwissen auskommen können. Die berühmten Hemmschwellen könnten auf diese Weise leichter abgebaut werden. Auch könnte die Hoffnung bestehen, dass jene an der Kunstproduktion Beteiligten zu Kunstagenten werden und ihrem Familien-, Freundes- oder Kollegenkreis versuchen, die Kunst bei ihrem Satellit zu erklären und gar motivieren, die Ausstellungen zu besuchen. Wer weiß, vielleicht wird einmal für Momente die Dichte von Zahnärzten, Polizisten, Pathologen, Bootsbauern, Stoffentwickler, Flugbegleitern unter den Ausstellungsbesuchern auffällig groß? Diese unsichtbaren zwischenmenschlichen Spuren sind schwer zu evaluieren, doch sind der Manifesta 11 ganz viele BesucherInnen zu wünschen.

Manches wird sicher durch die Manifesta 11 in Zürich seine Spuren hinterlassen: Das altehrwürdige Cabaret Voltaire, Zürichs Dada-Wiege, wurde nun zu einer Künstlervereinigung nach dem Vorbild der Schweizer Zünfte umfunktioniert. Hier kann jeder sich mit einem Konzept bewerben und dann, wenn dies der Zunftmeister absegnet, mit dem Auftritt Mitglied und damit Künstler auf Lebenszeit werden. Das „Zunfthaus Voltaire“ ermöglicht mehr noch die Beteiligung von anderen. Christian Jankowski bricht damit die Kuratorenrolle auf und zeigt sich als Kurator gleichermaßen wie in seiner Kunst: humorvoll, sympathisch. Angesichts so mancher Experimentierfreude im Bereich Ausstellen und Kunstschaffen zeigt die Manifesta 11 eine Tendenz auf und könnte gar damit stilprägend werden.

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What Peopole Do for Money – Some Joint Ventures, Manifesta 11 Zürich 11.06. – 18.09.2016
Hauptausstellungsorte:
1.
Löwenbräukunst und hier die Räume von Migros Museum für Gegenwartskunst, Kunsthalle Zürich, Luma Foundation
Mo – So 11-20 Uhr, Do 11-22 Uhr

2.
Helmhaus
Mo-So 11-20 Uhr, Do 11-22 Uhr

3.
Pavillon of Reflections
Dies ist eine schwimmende Plattform auf dem Zürichsee beim Bellevue und die architektonische Ikone der Manifesta 11, entworfen und gebaut vom Studio Tom Emerson, ETH Zürich. In Zusammenarbeit mit Studierenden und Alumni des Departments Cast/Audiovisual Media der Zürcher Hochschule der Künste wurden unter der Leitung von Christian Jankowski und Martin Zimper Dokumentarfilme über die Entstehung der Manifesta 11 produziert. SchülerInnen Zürichs moderieren diese Filme.
Der Pavillon dient als Bad von 8-19 Uhr, Bar/Café von 8-24 Uhr, für Film- und Spezialprogramme 20-23.30 Uhr

4.
Cabaret der Künstler – Zunfthaus Voltaire
Das Cabaret Voltaire, Geburtsort von Dada in Zürich, ist nun ein Zunfthaus für KünstlerInnen. Die Neugründung ist inspiriert vom Format der Zünfte, in denen Berufsgruppen ihre Interessen vertreten. Zunftmeister ist der Künstler Manuel Scheiwiller. Hier sind experimentelle Performances zu sehen, die sogenannten Joint-Venture-Performances, bei denen je ein Künstler zusammen mit einer Person eines anderen Berufs auf der Bühne auftreten.
Programm siehe www.manifesta11.org/zunft, jeweils ab 20 Uhr

5.
Satelliten
Diese gehen auf das Konzept der Joint Ventures zurück, bei denen 30 KünstlerInnen für die Entwicklung ihrer Werke mit Einwohnern Zürichs zusammengearbeitet haben. Ein Teil der Ausstellungen findet im Umfeld dieser Hosts verstreut über die ganze Stadt statt.
ACHTUNG: unterschiedliche Öffnungszeiten, die sich kurzfristig ändern können, vorher auf www.manifesta11.org nachschlagen.

Publikationen: Kurzführer und Katalog, bei www.lars-mueller-publisher.com


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