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Manon de Boer - Giving Time to Time: Von der Zeit, Zeit zu nehmen

Sie möge die Beobachtung, hat Manon de Boer es einmal ausgeführt „wenn Menschen ihr soziales Gesicht verlieren“ und meinte damit den Ausdruck verinnerlichter Konzentration. Es ist jene Innengewandtheit beim Lesen, Musizieren oder anderen kreativen Tätigkeiten. Der Blick ist entrückt, die Betreffenden scheinen sich in denjenigen mentalen Räumen zu bewegen, in die sie sich für ihre jeweiligen Tätigkeiten zurückgezogen haben.

Nun gibt die in Brüssel lebende niederländische Künstlerin in ihrer Ausstellung „Giving Time to Time“ im Untergeschoss der Wiener Secession mit sechs Arbeiten aus dem letzten Jahrzehnt ihrerseits Einblicke in ihre Denk- und Arbeitsprozesse. Manon de Boers Medium ist der Film und die technischen Umstände wie Unwegbarkeiten werden bisweilen selbst zum Thema. Bei Dissonant (2010) ist es die plötzliche Dunkelheit im Bild, während die Tonspur weiter läuft und die Geräusche der ohne Musik tanzenden Cynthia Loemij wiedergibt. Das Bild bleibt für die Dauer schwarz die es benötigt, eine 16mm Filmrolle zu wechseln und so lange ist der Betrachter versucht die Bewegungsabläufe vor dem inneren Auge zu memorieren, die die Akteurin zuvor Eugène Ysaÿes „3 sonates for Violinsolo“ memoriert hat, zu denen sie nun tanzt. Ebenso scheint bei „Presto, Perfect Sound“ etwas mit der Abstimmung von Bild und Ton nicht zu stimmen: Der Vortrag des Violinsolo ist fulminant, alleine die Bewegungen des Musikers wirken nicht ganz so virtuos. Sechs Mal hat die Künstlerin das Musikstück aufgenommen, danach die Passagen zusammengefügt, die beste Klangqualität aufwiesen. Versucht das audiovisuelle Medium Film normalerweise derlei zeitliche Verschiebungen zwischen Bild und Ton zu auszugleichen, irritiert hier die Künstlerin und schafft so eine Distanz zwischen dem Film und der Realität.

Neben dem facettenreichen Thema Zeit beschäftigt sich de Boer neuerdings mit den Voraussetzungen unter denen Kreativität entsteht. Neben den Schriften der Psychoanalytikerin Marion Milner (1900-1998) und Kollegen, deren Arbeitsplätze sie in deren Abwesenheit filmt und sie für „An Experiment in Leisure“ mit einer zu unterschiedlichsten Zeiten aufgenommenen Landschaft kombiniert, dient der eigene Sohn als Gewährsperson. „Untroubled Mind“ nennt de Boer jene filmischen Skizzen, in denen sie die Relikte des selbstvergessenen Spieles ihres Sohnes festgehalten hat. Der kaputte Kinderschirm, der aufgespannt an einem Sesselchen lehnt, Kleingeld das sich entlang von Stuhlbeinen stapelt oder ein fragiles Arrangement aus zwei Schüsselchen, Löffel, Gabel und essfertigen Kiwistücken, all das folgt einer liebevollen Balance und Ordnung. Vor allen Dingen jedoch stammten die Konstrukte jenen wertvollen Momenten in denen aus Langeweile Muße wird und aus Tagträumen Ideen werden.

Untergeschoss und Film vermitteln stets den Gout des dunklen, etwas miefigen Beklemmenden. Deswegen sei an dieser Stelle extra erwähnt, dass es diesmal in der von Jeanette Pacher kuratierten Präsentation gelungen ist, ein nahezu luftig-leichtes Setting zu schaffen.

Manon de Boer - Giving Time to Time
01.07 - 28.08.2016

Secession
1010 Wien, Friedrichstrasse 12
Tel: +43 1 587 53 07, Fax: +43 1 587 53 07-34
Email: office@secession.at
http://www.secession.at
Öffnungszeiten: Di-Sa 10-18, So 10-16h

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