Unzählbare Erzählungen

Aurelia Jurtschitsch, 29.06.16

Es ist das zweite Exempel eines speziellen kuratorischen Konzepts von GRAF+ZYX als Betreiber des Tank 203.3040.AT: Das Zusammenspannen künstlerischer Positionen, die aus genuin unterschiedlichen Produktions- und Präsentationspraktiken stammen. Im aktuellen Setting mit Karin Pliem/Malerei und Boris Kopeinig/audiovisuelle Medienkunst trifft außer der unterschiedlichen Materialität die Welt der Galerien und Museen und die Parallelwelt der Festivals, Techno-Klubs und Websites aufeinander. Eine ähnliche Genre-Konstellation hat sich schon im Vorjahr überzeugend bewährt, als GRAF +ZYX sich mit Gunter Damisch ein erstes experimentelles Match dieser Art gönnten – offen für ungeahnte Gemeinsamkeiten und unerwartete Interferenzen. Ihr Anspruch, d.h. ihre zu testende Behauptung ist es, dass sich selbst bei quasi willkürlich zusammenstellten Ausdrucksformen in ihnen gemeinsame Bedeutungen und (Neu-)Interpretationen finden lassen. *)

Pliem_Kopeinig. Im leicht abgedämpften Raumlicht rhythmisieren auf Leinwand gebannte Fantasie-Blütenmeere, abertausende üppig quellende Blütchen, Dolden, Wellen, Wirbel, Weiß... abwechselnd mit leuchtenden, straffen Ziffernkolonnen, weiß, rot, blau, die über Bildschirme rasen und als meterhohe Projektion die Stirnwand und den Boden markieren, den Raum. Inhaltlich der pure Kontrast: einmal sinnlich unmittelbar fassbare, ja emotionalisierende Gegenständlichkeit, das andere Mal erkennbare, doch rational nicht fassbare Zahlenwerte, die faszinierte Aufmerksamkeit ebenso erhaschen wie sie mentale Überforderung bewirken. Als formale Gemeinsamkeit allerdings ist beiden etwas Überwältigendes, Zahlloses inne, ein Randvoll-Sein und noch darüber hinaus Verweisen. …und der elektronisch getaktete Soundteppich, zum rastlos bewegten Zahlen-Universum gehörend, wirkt pulsierend und emulgierend auf den Gesamteindruck.

In seiner Eröffnungsrede nannte Kurt Kladler, Galerie Charim, die Zeit als den zu findenden gemeinsamen Faktor und bezeichnet sowohl Kopeinig als auch Pliem als Zeitmaschinen, die unsere Körper als Rezeptoren und Resonanzkörper die Gegenwart intensiver empfinden lassen. Zeit wird akustisch durch Beats realisiert und durch aufgepikselte Zahlenreihen veranschaulicht, deren Ablaufmechanismus (nicht narratives) Geschehen generiert. In den floralen Kreationen wiederum ist der Höhepunkt des Blühens eingefangen - ein Verweis auf den ewigen Zyklus von Wachsen und Vergehen, das untrügliche Zeichen vom Lauf (in) der Zeit.

Ein kritisches Moment im Aufeinandertreffen und Vereinigen divergierender Kunst-Medien scheint mir das Licht zu sein. Die Sichtbarkeit physischer Bilder wie aller Gegenstände hängt von der Helligkeit des Raumes ab, wogegen elektronische Bilder „aus sich heraus“ leuchten und projizierte Bilder nur im Dunkeln wirklich erscheinen können. Für eine Konstellation aller drei eine Atmosphäre zu schaffen, in der alle sich entfalten können, verlangt a priori ein sensibles Aufeinander-Eingehen. Im Tank 203.3040.AT wagt man es mit Erfolg.

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*) Unabhängig davon, aber doch unter diesem Aspekt können wir auf die kommende Biennale in Venedig gespannt sein, wenn Brigitte Kowanz und Erwin Wurm den österreichischen Pavillon bespielen.

Finissage: Sonntag, 3. Juli 2016, 15 Uhr?
Karin Pliem und Boris Kopeinig sind anwesend?
DJ Set von Boris Kopeinig


Tipps

 

GRAF+ZYX TANK 203.3040.AT
3040 Neulengbach, Schubertstraße 203
http://203.3040.at




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GRAF+ZYX TANK 203.3040.AT
Karin Pliem | Boris Kopeinig

19.06.2016 bis 03.07.2016

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