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Das Kabinett des Malers. Terry Winters im Dialog mit der Natur: (under construction...)* Präformation komplexer Organismen im Kontinuum

Terry Winters (geb. 1949 in Brooklyn) Werke befragen die Malerei als solche sowie die als Motive dienenden Objekte. Seine Studien sind Drawings upon Nature, wobei das Naturschöne als „die Spur des Nichtidentischen an den Dingen im Bann universaler Identität" (Adorno) identitätsstiftende Funktion aufweist um gleichzeitig einen Erinnerungsort entstehen zu lassen. In abstrakt expressionistischer Manier sind Winters Bilder eine Hommage an das Kabinett im Sinne einer Wunderkammer, die Welt meint. Seine großformatigen Werke wie Lumen (1984), Animation (1996), Point Cloud (2006), Signal to Noise (2006) oder Zeichnungen wie Viewing Notation (2007-2008) und Untitled (um 2010) erzeugen dichte Atmosphären während sie Raum und Zeit vermessen. Neben Bildern von Winters präsentiert die Ausstellung Sauriermodelle aus der Sammlung Geologie & Paläantologie des Universalmuseum Joanneum, Hirnkorallen aus der Sammlung Mineralogie, Herbarbelege aus der Sammlung Botanik und Kolibris (Bälge) aus der Sammlung Zoologie sowie Pinnwände, die ein web-basiertes Projekt dokumentieren: Das Graz Cabinet (2016), das 327 Links zu Bildern enthält, die Winters auf Pinterest gesammelt hat: Brain Coral (Gepinnt von imagebot.com), Thickness)points / 3, 2014 (Gepinnt von terrywinters.org), Sand Grains Gallery (Gepinnt von sandgrains.com), Animal Architecture: The Best Builders of the Natural World (Gepinnt von apartmenttherapy.com), Pollock’s molluscs | TLS (Gepinnt von the-tls.co.uk), Amoeba proteus und Actinophrys sol (Gepinnt von museumwales.ac.uk), Lapis, 2014 (Gepinnt von terrywinters.org), Foraminifera - The Micropalaeontological Society (Gepinnt von tmsoc.org) etc. machen verschiedene Oberflächen sichtbar und ähneln einer Rhodonitplatte. Mittels einem organischen Geflecht aus unregelmäßigen Linien, Flecken und Tropfspuren vollzieht Winters eine Invention of Nature, abstrahiert Gegenstände, ordnet sie neu, stellt sie gegenüber, konzentriert deren Bewegung. Pastos schichten sich üppig Formen und bilden eine Fülle – eine amorphe Masse, die graphisch und geographisch zugleich ist. Die Synthese aus flächenhaften, linear umgrenzten Formen und komplementär gesetzten Farben wird von einem zeichnerisch, rhythmisch bewegten Duktus bestimmt, die ornamentale Gestaltungsweise aufgebrochen und deren Rudimente zugunsten einer absoluten Bildwirkung verselbstständigt. Die Ausstellung arbeitet nicht nur formal mehrschichtig, sie stellt auch verschiedene Themenkomplexe zur Diskussion. So fungiert das Graz Cabinet (2016) als virtuelles Museum und stellt einen Konnex zur Geschichte des Museums als solches her und wirft die Frage auf, was unter diesem Begriff zu verstehen ist. Ausgangspunkt für jene Begriffsbildung war das antike Mouseion als Ort, als Musentempel, als Schule oder Universität. Später hatten auch die kirchlichen Schatzkammern im weitesten Sinne musealen Charakter und zur Zeit der Kunst- und Wunderkammern an Fürstenhöfen der Renaissance waren je nach Konzeption, Zielsetzung, Ausformung und Präsentation sowie räumlicher Bedingungen für Sammlungen verschiedenartige Begriffe gebräuchlich. Darüberhinaus verweist die Ausstellung auf die Symbolik der anorganischen Natur. Ihre Bedeutung als Geborene, Entstandene und immer wieder neu Gebärende, Hervorbringende meint alles, was ohne fremdes Zutun und sich nach den ihr innewohnenden Kräften und Gesetzen entwickelt. Natur heißt 1. das Gewordene, Gewachsene an einem betrachteten Gegenstand, 2. sein inneres Wesen, seine Eigenart im Gegensatz zum Künstlichen, Gekünstelten, 3. die Gesamtheit zunächst aller Lebewesen, ferner 4. der Inbegriff aller von selbst, ohne unser Zutun entstehenden, nur den Naturgesetzen unterworfenen Wirklichkeit, im Unterschied zum Menschenwerk, zu den Schöpfungen des menschlichen Geistes und der Kultur (Geschichte). Die Schau erinnert auch an die Rückkehr der Natur in die Kunst. Hatte ja gerade die Moderne „die Künstlichkeit, das Konstruktive, das Anorganische gefeiert und der Natur als Gegenstand und Vorbild der Kunst eine radikale Absage erteilt." (Liessmann) „Der Begriff des Naturschönen rührt an eine Wunde, und wenig fehlt, dass man sie mit der Gewalt zusammendenkt, die das Kunstwerk, reines Artefakt, dem Naturwüchsigen schlägt. Ganz und gar von Menschen gemacht, steht es seinem Anschein nach nicht Gemachten, der Natur, gegenüber. Als pure Antithese aber sind beide aufeinander verwiesen: Natur auf die Erfahrung einer vermittelten, vergegenständlichten Welt, das Kunstwerk auf Natur, den vermittelten Statthalter von Unmittelbarkeit." Adorno bestimmt das Naturschöne also nicht als das Unmittelbare an sich, sondern als den Statthalter, den ästhetischen Schein desselben. Im Wahrnehmen von Natur und den damit verbundenen ästhetischen Empfindungen ist eine Ahnung von dem enthalten, was jenseits des Menschen und seiner Produkte, jenseits von Rationalität und Reflexion liegt. – Die Natur als ein Ort der Erinnerung und der Utopie. Darin ist für Adorno das Naturschöne der Kunst verschwistert, die ebenfalls das Unmittelbare, Besondere, Nichtidentische vertritt. Kunst als Resultat von Freiheit, ist somit nicht nur Unmittelbarkeit und Emotion, sondern durchdrungen von Geist und Reflexion. Wir verorten uns als Betrachtende, irgendwo in der Zeit – die als „reine Form der Anschauung" oder „reine Form der Sinnlichkeit" gilt, – „entfaltet" – „ausgewickelt", inmitten diverser Zeichen im Raum – voll komplexer Organismen; Körper und Umwelt verstanden als umfassendes „geschlossenes Ökosystem", Natur und Kunst als geworden. Vor Kant dachte man Evolution noch im Sinne einer Entfaltung aller vorzeitig in einem Organismus angelegten Merkmale (Präformation). Er definierte sie im Sinne einer „Auswicklung" als Involution und reservierte den Begriff der Evolution für das „System der Epigenesis", der Entwicklung eines jeden Organismus durch aufeinanderfolgende Neubildungen meint. „Ich. Du. Wir." schreibt Ferdinand Schmatz im Ausstellungskatalog „für terry winters". „In den Wesen. In den Dingen. Ist Ich, ist Du. (…) Es, das ist ein Ding, das sich zeigt. (…) Denken und Sehen als eins. Das Ding sehen. (…) Think. Thing." *Gepinnt von timvannus.blogspot.com
Das Kabinett des Malers. Terry Winters im Dialog mit der Natur
11.03 - 21.08.2016

Kunsthaus Graz
8020 Graz, Lendkai 1
Tel: +43/316/8017-9200, Fax: +43/316/8017-9800
Email: info@kunsthausgraz.at
http://www.kunsthausgraz.at
Öffnungszeiten: Di-So 10-18, Do 10-20 Uhr


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