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Plätze, Terrassen und Dächer: Öffnungen zur Stadt

Während für die Architektur von Kunstinstitutionen über lange Zeit hinweg das Paradigma der Abschottung vom Alltag galt, kennzeichnet die aktuelle Situation ein obsessives Verhältnis zur Öffnung gegenüber der Stadt und ihrer Gesellschaft. Die damit verbundene Hoffnung geht soweit, dass Holland Cotter jüngst in der „New York Times“ ein „museum without walls“ als Prototyp eines noch nicht existierenden Museums im Geist des 21. Jahrhunderts imaginierte. Tatsächlich gelingt es immer wieder durch Kulturneubauten neue Plätze zu schaffen und bestehende Orte neu zu attraktivieren. Die Beispiele sind zahlreich: Sie reichen von der geneigten Fläche vor dem Centre Pompidou in Paris, auf der die Besuchenden gewissermaßen in das Erdgeschoss gleiten, bis zum Innenhof des Museumsquartiers in Wien, dessen Erfolg bisweilen jenen der umliegenden Institutionen überstrahlt.

Doch auch im kleineren Maßstab bleiben von einem Museumsbesuch oft gerade jene Orte in Erinnerung, an denen man pausieren oder reflektieren konnte. Wir erinnern uns hier gerne an die Causerie-Beiträge von Vitus Weh, der diesen Umstand wiederholt – unter anderem hier – thematisiert hat. Terrassen, Innenhöfe, Vorplätze, Dächer, Balkone, Gärten, Parks oder Verbindungswege sind also zentrale Orte der musealen Erfahrung und gerade KünstlerInnen waren sich dessen immer bewusst. So wird wohl jedem, der zwischen 1991 und 2004 die Dia Art Foundation in New York besuchen konnte das „Rooftop Urban Park Project“ von Dan Graham in Erinnerung geblieben sein, ebenso wie James Turrels „Sky Room“ noch nie seine Wirkung auf die BesucherInnen des P.S.1 verfehlt hat.

Es war also voraussehbar, dass sich in den Konzepten für das neue Wien Museum jede Menge Versuche zeigen müssten, diese Verschränkung von öffentlichem Raum und Museum neu zu definieren. Doppelt herausfordernd war dabei der Umstand, dass das Museum in diesem Fall keinen neuen Platz zu schaffen hat, sondern dass es seinen Standort bereits an einem der zentralen Plätze Wiens einnimmt. Zählt man zu dieser Ausgangslage noch die Absicht des Museums hinzu, sich gegenüber der Stadt und ihrer Dynamik offener zu zeigen, als dies in den bisherigen Räumen möglich war, wird verständlich, warum man gerade auf die konkrete Ausgestaltung dieses Verhältnisses großes Augenmerk legen sollte.

Doch wir wechseln nicht ins Fach der Architekturkritik: Der leitende Maßstab diese Zeilen ist die Frage nach der institutionellen Innovation: Aus diesem Blickwinkel heraus war klar, dass sich das Potenzial des Siegerentwurfs von Winkler+Ruck und Certov wohl in jenem Zwischengeschoss zeigen müsste, das die Wiener Zeitung mittlerweile als „kluge Fuge“ bezeichnet hat. (1) In Hinblick auf die Bedeutung der Verschränkung von öffentlichem und institutionellen Raum kann der Entwurf nur dahingehend verstanden werden, dass es den Architektenteams darum ging, durch die Fuge zwischen Bestand und Zubau die Stadt und den Außenraum in den Innenraum hereinzuholen. Ein Vergleich mit den anderen Wettbewerbsbeiträgen zeigt, dass viele andere BewerberInnen Ähnliches im Sinne hatten. Meistens wurde jedoch versucht, durch baulich abgesetzte Neubauten direkt auf dem Platz zu jener neuen Stadt-, Platz- und Museumserfahrung beizutragen, die Winkler+Ruck und Certov scheinbar für das Zwischenraumgeschoss versprechen.

Warum scheinbar? Nun, zwischen den Renderings, den Grundrissen und den das Projekt beschreibenden Texten bestehen noch gewisse Widersprüche: Wo der erste Blick auf die suggestiv leuchtenden Renderings und die oftmalige Betonung des damit geschaffenen „Wienraums“ einen großzügigen, weitgehend offenen Freiraum auf der jetzigen Dachfläche erwarten lässt, spricht der Grundriss und sein Raumprogramm eine etwas andere Sprache: Der größte Teil des (verglasten) Innenraums bleiben hier für Verwaltung (802m²) und Dauerausstellung (268m²) reserviert, während für den namensgebenden „Wienraum“ derzeit 150m² und für die heftig beworbene Terrasse gerade mal 118m² Meter im Anschluss an eine kleine Café-Bar vorgesehen sind. Und in den Medien war zusätzlich bereits von „vermietbaren Veranstaltungsflächen“ und von einem „Schanigarten“ die Rede, eine Terminologie, die befürchten lässt, dass hier von manchen bereits das Cash-Cow-Geschoss vorausgedacht wird.

Es ist dem Verfasser völlig bewusst, dass ein Wettbewerbsprojekt nur der Ausgangspunkt für zahlreiche Veränderungsprozesse ist. Doch gerade aus diesem Bewusstsein heraus ist ein Wunsch an alle Planungsbeteiligen erlaubt: Es wäre wünschenswert, wenn das Potenzial des Entwurfs nicht durch eine zu pragmatische Zuteilung der Flächen verschenkt würde. Im Gegenteil: Der Ansatz für das Zwischengeschoss kann noch geschärft werden, wenn man sich dafür entschiede, das gesamte Geschoss für eine weitgehend konsumfreie und durchgängig barrierefreie urbane Zone zu nutzen. Diese Zone würde den Karlsplatz erweitern und zugleich dem Museum eine neue Verschränkung von Stadtraum, Ausstellung und Alltag ermöglichen. Das Wien Museum könnte „da oben“ einen großzügigen neuen Platz bauen, an dem sich die Institution und die Stadt in neuer Art begegnen. Damit würde – den Vorbildern von Dan Graham, Gordon Matta-Clark, Robert Smithson, Michael Asher u.v.a. folgend – der architektonische und der institutionelle Raum erweitert. Das Potenzial der „klugen Fuge“ ist zu groß, um es frühzeitig auf dem Altar von Verwertungs- oder Verwaltungsinteressen zu opfern. Zurecht hat die Jury diesen Raum als „die große kompositorische Geste“ des Entwurfs gelobt. Es wäre immens schade, wenn daraus ein gewöhnlicher Büro-, Gastronomie- und Eventraum würde. Denn eines steht nunmehr fest: Der Gradmesser für das Innovationspotenzial des neuen Wien Museums werden die Angebote auf dem Dach des alten sein.

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(1) Das Wien Museum zeigt bis Anfang Februar 2016 alle 274 Entwürfe des zweistufigen Wettbewerbs bei freiem Eintritt.

Ihre Meinung

1 Posting in diesem Forum
komisch,
bitteichweisswas | 01.12.2015 08:33 | antworten
dass anlässl. der "int. Ausschreibung" fürs Wienmuseum lediglich österr., dt. u-ch-Entwürfe zu sehen sind !? ad "Leopoldmuseum": eh klar, dass das ursprüngl. v Ortner&Ortner geplante, "höhere" Gebäudekonzept letztenendes (hoffentlich einigermassen homogen) v anderen Arch-Teams vollzogen wird...

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