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René Girard 1923 – 2015

„Geben Sie fünf Kindern fünf verschiedene Spielzeuge, so ist es absolut unmöglich, daß die Verteilung dieser Objekte reibungslos vor sich geht; der erste wählt ein Spielzeug, und sofort möchten auch der Zweite, der Dritte, der Vierte und der Fünfte den gleichen Gegenstand besitzen. Hier sieht man übrigens, daß es durchaus so etwas wie einen rationalen Grund des mimetischen Begehrens gibt: da nämlich pertinente Kriterien zur Wahl des einen oder anderen Gegenstandes fehlen, fungiert die Wahl des Anderen selbst als das gesuchte Kriterium. Der Andere sieht in meiner Wahl etwas, das ich selbst nicht gesehen habe, und gemeinsam geben wir erst unserem Objekt seinen Wert, so daß die Wahl so gesehen als durch und durch motiviert erscheint. Sozial gesehen ist dieser Konflikt schädlich, führt er doch stets zur Auseinandersetzung, und alle Mechanismen der Höflichkeit, des guten Tons, die Verbote, die Tabus, ja Kultur überhaupt, sind nichts anderes als Kontrollinstanzen, die den stets drohenden Konflikt unterbinden sollen.“ In diesen Sätzen skizziert René Girard auf das Nachvollziehbarste den Ausgangspunkt seiner Theorie. „Le désir mimetique“, das mimetische Begehren zeichnet das Menschentier aus. Das Animal Rationale ahmt alles nach und reißt sich alles unter den Nagel, es will nachmachen und es will haben in einem. Unweigerlich entstehen daraus Konflikte, und sie sind aus anthropologischen Gründen unvermeidlich. Gewalt entsteht. Sie ist das Primäre, und wie Girard in seinem vielleicht bedeutendsten Buch „La violence et le sacré“ von 1972, das in der deutschen Version von 1987 seine Hauptbegriffe zu einem „Das Heilige und die Gewalt“ umgedreht bekommt, insistiert, entsteht daraus das Heilige. Nicht die Religion forciert Gewalt, sondern dadurch, dass es Gewalt gibt, gestaltet sich in einer Art Veredelung das Transzendente. Die Menschen rotten sich zusammen, und weil da etwas bleibt, das ihnen die Gemeinschaft verwehrt, die Rivalität, das mimetische Begehren, suchen sie einen Schuldigen. Sie finden einen Sündenbock, der geopfert wird und geheiligt in einem. Jesus ist das perfekte Beispiel dafür, derjenige, der gleich alle Schuld auf sich nahm und sich ans Kreuz heften ließ. In vielen Publikationen hat René Girard sich zum Christentum bekannt. Sie tragen Titel wie „Hiob. Ein Weg aus der Gewalt“ (1985, deutsch 1990) oder „Ich sah den Satan vom Himmel fallen wie ein Blitz“ (1999, deutsch 2002). Als junger Mann war Girard, geboren am Weihnachtstag 1923 in Avignon, in die USA gekommen, wo er, zuletzt in Standford, Literaturwissenschaft lehrte. Abstammungsgemäß war er als Romanist tätig, doch die wichtigste Gewährsfigur seiner Theorie war, neben den Mythen und Legenden der Antike, Shakespeare. Damit wurde man nicht unbedingt sexy in den Zeiten der großgeschriebenen Theorie. Die einleitenden Sätze oben stammen aus einem Buch mit Gesprächen, die Michael Jakob für den Bayerischen Rundfunk mit Autoren geführt hat, die Girards Schicksal teilten, mit George Steiner, Jean Starobinski oder E. M. Cioran, die der Meisterdenkerschaft der Foucault-Deleuze-Derrida mit so etwas wie gesundem Menschenverstand begegnet waren. Dafür ernteten sie Beschweigen. Obwohl er dem Kunstbetrieb sehr viel mehr zu sagen gehabt hätte als die Großtheoretiker blieb Girard ziemlich unbehelligt von dessen Avancen. Womöglich war die Idee des mimetischen Begehrens, die eine perfekte Erklärung liefert für die Techtelmechtel des Sammlerwesens, auch einfach zu wahrscheinlich, um goutiert zu werden. Und auch der obskure Sachverhalt „Kunst“ insgesamt wird entwaffnend schlicht entschärft: „Zweitausend Jahre lang waren die Künste nachahmend, und erst ab dem 19. und im 20. Jahrhundert hat man sich auf einmal dem Mimetischen gegenüber ablehnend verhalten. Warum? Weil wir mehr denn je mimietisch sind. Die Rivalität spielt eine so gewaltige Rolle, daß man den Versuch, die Nachahmung auszutreiben, vergeblich unternimmt.“ Der Verfasser dieser so rabiat richtigen Sätze ist am vergangen Mittwoch in Stanford knapp 92jährig verstorben. René Girard, der Bibeltreueste aller französischen Denker, erreichte ein biblisches Alter.

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