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Begegnungszone der Disziplinen: Arbeit an der Stadt

Die Stadt ist derzeit der gemeinsame Nenner verschiedenster gestaltender Disziplinen. Sosehr die Fachwelten innerhalb ihrer jeweiligen Diskurse auf Unterscheidbarkeit setzen, so intensiv lassen sie sich aufeinander beziehen, wenn es um die Gegenwart und Zukunft des Lebens in den Städten geht. Es lässt sich feststellen, dass sich die Ausdrucksformen der Kunst im öffentlichen Raum, der soziokulturellen Praxis, der Gemeinwesenarbeit, der avancierten Freiraumplanung, der experimentellen Architektur, des sozialen Designs, des politischen Aktivismus, der urbanen Ethnographie und vieler anderer »Feldforschungen« mittlerweile ähneln, überschneiden und ergänzen.

Es fällt dabei auf, dass sich die disziplinären Erweiterungsbestrebungen gerade dort überlappen, wo keine institutionellen Kräfte darauf achten, Methodik und Ausdrucksweisen „rein« zu halten. Der öffentliche Raum der Stadt ist somit auch zur Begegnungszone der Disziplinen geworden. Besonders ergiebig wird es dort, wo nicht eine Veranstaltung, sondern ein gemeinsames gesellschaftliches Ziel im Vordergrund der Zusammenschlüsse steht: Denn der stumm stehende Mann am Taksimplatz wird nicht als Attraktion eines Performancefestivals zur Ikone, sondern als geistesgegenwärtiger Reflex eines Künstlers, des Performers Erdem Gündüz, in einer konkreten politischen Situation. Wenn sich der ukrainische Pianist Markiyan Matsekh im Zuge der Auseinandersetzungen auf dem Maidan in Kiew dazu entschließt, vor der Bereitschaftspolizei ein Chopinkonzert zu geben, dann fasziniert nicht ein Auftritt innerhalb eines x-beliebigen Straßenkunstevents, sondern es berührt uns die stille Machtdemonstration eines künstlerisch befähigten Bürgers in einem historischen Moment.

Ein Teil dieser Berührung war spürbar, als die Wiener Filmemacherin Ina Invanceanu zuletzt in Wien ihren Dokumentarfilm „Free Spaces“ präsentierte, der mit Beispielen aus Georgien, Armenien, der Republik Moldau und der Ukraine jenem Spirit hinterher spürte, der sich einstellt, wenn der Anspruch auf Teilhabe am öffentlichen Leben von ideenreichen Menschen aus den verschiedensten Disziplinen gemeinsam in den Stadtraum getragen wird. Ivanceanu überließ ProtagonistInnen das Wort, denen es gelungen ist, der öffentlichen Hand Parkplätze in Chisinau abzukaufen (Stefan Rusu), oder rote Teppiche in verwahrlosten Straßenpassagen zu verlegen (Natalia Nebieridze). Andere Beispiele zeigten die überzeugende Idee einer Gruppe von StadtaktivistInnen, der Polizei gemeinsam und fachkundig beim Bewachen eines umstrittenen Pavillons zuzusehen, oder die performative Nutzung eines leerstehenden Zirkusgebäudes in Chisinau (Tom Rusotti & Karl Hallberg). In der Ukraine kam die Filmemacherin gerade rechtzeitig zu den Auseinandersetzungen auf dem Maidan, aus deren Dynamik ein Regimewechsel – aber auch eine äußerst fragile gesellschaftliche Situation – erwuchs.

Der Wunsch danach, Teil derartiger Situationen zu sein, ist wohl auch eine Erklärung für die Bereitwilligkeit, mit der sich Beteiligte des Wiener Kulturlebens derzeit an Aktivitäten der Flüchtlingshilfe beteiligen. Dabei kommt es bisweilen zu einem Nebeneinander von existentieller Bedrängnis auf der einen Seite und positiver Motivation auf der anderen. Auffallenderweise entsteht aus dieser Motivation an den verschiedenen Schauplätzen der Hilfsaktivitäten auch fallweise eine gelöste Stimmung, die sich nicht zuletzt darauf zurückführen lässt, dass es eine befriedigende Erfahrung sein kann, als Mitglied der Zivilgesellschaft, in Bahnhöfen, Polizeistationen, Aufnahmezentren, oder Grenzstationen – auf Augenhöhe mit den konventionellen VertreterInnen staatlicher Ordnung agieren zu können. Neben aller notwendigen Hilfe findet hier zurzeit auch ein „Reclaim the State« statt, mit dem sich die Öffentlichkeit einen Teil des Einflusses auf das staatliche Geschehen zurückerobert.

Dem Verfasser dieser Zeilen ist das rhetorische Glatteis bewusst, auf dem er sich befindet, wenn er innerhalb der Dramatik auch gleich mögliche Vorteile benennt, doch es kann tatsächlich empfohlen werden, den zentralen Orten dieser Dynamik aus urban-fachlichem Interesse einen Besuch abzustatten. Es ist zum Beispiele lehrreich, die vielfältigen räumlichen Mutationen und Wucherungen, die sich derzeit rund um die Bahnhöfe entwickeln, aus architektonischer und städtebaulicher Sicht zu analysieren. Auf einmal findet sich in den kommerzialisierten Bahnhofsgegenden ein zum Familienzentrum umgebautes Parkdeck ebenso wie behelfsmäßig eingerichtete Lazarette in untergenutzten Nebenräumen. Shantytownartige Lagergebilde aus Zelten, Planen und Regalen, oder die rasch zusammengezimmerte Handyladesation mit W-LAN einer Gruppe namens »Ingenieure ohne Grenzen« erinnern dann wiederum an die temporären Architekturen bei zahlreichen Festivals der letzten Zeit, während die flexible Logistik des Freiwilligennetzwerks »Train of Hope« eine Ahnung von neuen Versorgungskonzepten für dichte, urbane Zentren vermittelt. Ganz nebenbei ist die aktuelle Situation eine Erinnerung daran, dass Bahnhofsareale soziale Infrastrukturen bereithalten sollten, bevor sie endgültig zu Shopping-Centern mutieren.

Es scheint eine Verbindung zwischen zugespitzten politischen Situationen und den Möglichkeiten der Selbstermächtigung im Stadtraum zu geben, die auch durch die besten Spezialprogramme nicht ersetzt werden kann. In Wien konnte man bereits im letzten Jahr eine Ausstellung von Exponaten vom Maidan im Künstlerhaus sehen. In den letzten Wochen entstanden erneut intensive Beziehungen zwischen Wien und Kiew, nachdem es dort gelungen ist, vor wenigen Wochen, eine bereits abgesagte Biennale als unabhängiges Projekt trotzdem zu eröffnen. Es war ein symbolträchtiger Zufall, auf das verdienstvolle Wiener Leitungsteam dieser »School of Kyiv«, Hedwig Saxenhuber und Georg Schöllhammer gerade am Wiener Westbahnhof zu treffen, einem jener Orte, die in den letzten Wochen häufig sprichwörtlich für einen neuen Geist in der Gesellschaft genannt wurde. Ob in Kiew, bei der Arbeit gegen die Kommerzialisierung des Stadtraums in Chisinau, Tiflis oder eben auch an vielen Orten in Wien: Es ziehen sich unzählige Spuren neuer Dringlichkeiten durch den öffentlichen Raum unserer Städte. Diese Dringlichkeiten – und dieser Text entsteht eine Woche vor einer diesbezüglichen Wahl – werden sich wahrscheinlich noch verstärken. Doch sie verstärken zugleich die Lust an der Arbeit an der Stadt.

Ihre Meinung

4 Postings in diesem Forum
bin mir auch des rhetorischen Glatteises bewusst, auf dem ich mich bewege...
bitteichweisswas | 07.10.2015 08:28 | antworten
...mag schon sein, dass die veränderten gesellschaftspolitischen Rahmenbedingungen momentan eine „Begegnungszone“ für ein wohlstandsermüdetes, romantisiertes Bildungsbürgertum darstellen mag. Was und wie aber weiter, wenn der Ersthilfemassnahme "Willkommenskultur" der in allen seinen Folgen noch nicht abzuschätzende Alltag weicht??
kleine, nicht unwichtige Anmerkung noch:
bitteichweisswas | 07.10.2015 12:53 | antworten
"Rund 70 Prozent derjenigen, die zu uns kommen, sind allein reisende, junge Männer. Bislang spielt sich die Krise abseits der Innenstädte ab, wo die Leute, die in der Flüchtlingsdebatte den Ton angeben, gerne wohnen. Wer durch die Einkaufszonen von Hamburg oder München schlendert, würde nie auf die Idee kommen, dass man in vielen Kommunen nicht mehr weiß, wie man der Lage Herr werden soll. Aber dieser Zustand des seligen Nebeneinanders kann sich schnell ändern. Der Soziologe Armin Nassehi, der übrigens ein Befürworter von mehr Zuwanderung ist, spricht von einer "Maskulinisierung" des öffentlichen Raums, auf die man sich beizeiten einstellen sollte. Man wird sehen, wie das aufgeklärte Deutschland (> das gilt übrigens auch für Ö !!) reagiert, wenn das neue Eckensteher-Milieu die inneren Großstädte erreicht. Für die #Aufschrei-Welt, in der schon ein zu offensiver Blick auf Po oder Busen einen sexuellen Übergriff markiert, verheißt das Wort "Maskulinisierung" jedenfalls nichts Gutes. Möglicherweise wird sich in den grünen Vierteln das Verhältnis zum Flüchtling merklich abkühlen, wenn zutage tritt, dass er die Etikette im Umgang der Geschlechter nicht beherrscht. Zu den Paradoxien der Zuwanderung gehört, dass der Fremde links wie rechts der Mitte immer nur so lange als Fremder erwünscht ist, solange sein Fremdsein nicht zu sehr hervortritt."
Quelle
Martin Fritz | 07.10.2015 02:37 | antworten
Vielleicht sollten Sie erwähnen, dass Sie aus einer Kolumne von Jan Fleischhauer im Spiegel Online vom 6.10.2015 zitieren.
ups-
bitteichweisswas | 07.10.2015 05:36 | antworten
...danke f d Ergänzung !!

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