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Biedermeierglas

Olga Kronsteiner, 19.05.03

An der Zusammensetzung von Glasmasse hat sich seit ihrer Erfindung und ersten Verbreitung bis heute kaum etwas verändert - wohl aber an der Verarbeitung, der Dekoration und der daraus resultierenden Faszination für Sammler. Dazu haben neben technischen Entwicklungen eine Reihe von außergewöhnlichen Künstlern sowie eine erste grundlegende wissenschaftliche Aufarbeitung des Themengebietes beigetragen. Zu den bemerkenswertesten Erzeugnissen zählen jene des Biedermeiers, ohne die heute keine europäische Glassammlung Anerkennung genießt. Abgesehen von Museen, deren Bestände oftmals aus der Entstehungszeit stammen und die man aufgrund von Budgetkürzungen in den letzten Jahrzehnten kaum ergänzte, wurde privaten Sammlungen eine wichtige Rolle punkto Erhaltung und Dokumentation zu Teil.

Historische & wirtschaftliche Bedeutung
Obgleich zwischen Souvenir und Gebrauchsgut angesiedelt, dokumentiert das Glas der Biedermeierzeit wie kaum eine andere Kunstgattung den Übergang vom Klassizismus zum Historismus. Errungenschaften des 17. und 18. Jahrhunderts werden tradiert, für den Zeitgeist und seine modischen Strömungen adaptiert sowie Techniken verfeinert und neue entwickelt; kurz, Glas avancierte zu einem der wichtigsten Werkstoffe und kreativsten Ausdrucksmittel des beginnenden 19. Jahrhunderts. Produziert wurde fast ausnahmslos in Böhmen. Bereits 1803 schätzte man den Wert der dortigen Rohglasherstellung auf zwei Millionen Gulden, die Verarbeitung und der Verkauf brachten weitere 6 Millionen ein; zum Vergleich schaffte die bayrische Glasindustrie etwas mehr als 50.000 Gulden.

Andenkenindustrie
Bis Mitte der dreißiger Jahre des 19. Jahrhunderts fertigt man kunstvolle und reich geschliffene Kristallgläser, farblos, dickwandig, wie seit dem späten 18. üblich; die Formen sind dieser Robustheit angepasst und spiegeln sich in kurzen, kräftigen Stielen und Schäften. Geschenk- und Andenkengläser werden mit kompliziert gestalteten Mustern verziert - ganz im Gegensatz zum Glas für den Alltag, welches kaum oder überhaupt nicht geschliffen wird und sich massiv in gefälliger Gebrauchsform präsentiert. Zu Trinkgläsern kommt eine Fülle sonstiger Gebrauchsgläser, Parfumflakons aus weißem Alabasterglas, Tafelaufsätze, Schüsseln und Ziergegenstände. Zu den beliebtesten Formen zählte der Ranftbecher, der sich nach oben weitet, graviert, geschnitten, bemalt und/oder vergoldet wird und einen dicken, fassettierten oder kannelierten Fuß hat. Zumeist schmücken senkrechte Kerbschliffe den Rand (Ranft) des Gefäßbodens und die Standfläche wird mit einem mehrteiligen Bodenstern verziert. Die Kombination des Glasschnittes mit anderen Dekortechniken wird bereits seit dem 18. Jahrhundert angewandt. Johann Josef Mildner (Gutenbrunn / Niederösterreich) und Johann Sigismund Menzel (Warmbrunn / Schlesien) fertigten noch im Stil des Klassizismus die so genannten Medaillonbecher: Schlichtes, farbloses Glas, durch Schnitt verziert, in der Rundschliffbordüre ein Medaillon (Monogramme oder Portraits) in Gold vor Rotlackfond, welches auf der Rückseite (Innenseite des Glases) oftmals noch Inschriften birgt. In motivischer Nachfolge stand die Transparentmalerei des Dresdner Porzellanmalers Samuel Mohn (1762-1815), der um 1806 mit transparenten Emailfarben zu experimentieren begann. Zu den bekanntesten österreichischen Künstlern gehört Anton Kothgasser (1769-1851). Aber, man kann es nicht oft genug publizieren, die oftmals als "Kothgasser-Becher" bezeichneten Gläser stammen lediglich aus seiner Werkstatt und nicht von seiner Hand.

Ansichten & Akrostichon-Gläser
Wiener Ansichten mit berühmten Plätzen und Panoramen der Stadt zählten neben Blumenmalereien zu den beliebtesten Motiven. Die Blumen-Gläser erfreuten sich vor allem deshalb großer Beliebtheit, da sie Botschaften übermittelten. Die meist recht zweideutige Blumensprache hatte durchaus ihren Reiz; man band reiche Sträuße und flocht üppige Kränze. Als Sonderform gelten die prachtvollen Akrostichongläser, auf denen die Anfangsbuchstaben von Blumen den Namen eines lieben Menschen ergaben. Viele von ihnen sind allerdings heute nicht "auflösbar" und stellen Sammler und Experten vor detektivische Fleißaufgaben. Manches wiederum ist noch heute offensichtlich, auch wenn unsereins über Stiefmütterchen kaum ins Schwärmen geraten mag. Dabei lautet die von diesen Blumen übermittelte Botschaft schlicht "Denken sie an mich" - denn die französische und damit gebildeten Wiener geläufige Bezeichnung für Stiefmütterchen ist pensée das genauso ausgesprochen wird wie pensez (denken Sie); in Kombination mit Strohblumen sollte die ersehnte Dauerhaftigkeit unterstrichen werden.

Pflegetipp
Glas ist ein wunderbares, aber leider auch ausgesprochen empfindliches Material. Es zerbricht, zerkratzt aber auch leicht. Selbst die Bemalung von Gläsern ist häufig wenig widerstandsfähig, vor allem wenn es sich um Kaltbemalung oder Vergoldung (Abrieb!) handelt. Generell gilt für Glas deshalb - hinter Glas. Vor Staub und mechanischen Beschädigungen geschützt, sollten die wertvollen Stücke in Vitrinen untergebracht sein. Sofern die Objekte beleuchtet werden, muss man darauf Acht geben, die Gläser nicht zu nah an den Lichtquellen positioniert sind.
Wenig bekannt ist, dass bereits starke Sonneneinstrahlung schädlich ist. Farbiges Glas kann sich ebenso wie Bemalung verfärben oder verblassen; die durch Sonneneinstrahlung verursachte Hitze kann sogar zu Sprüngen führen. Vor allem mehrfarbige Gläser und so genanntes Überfangglas sind gefährdet: zwischen den verschiedenen Glasschichten bestehen unterschiedliche Spannungen, wird eine stärker als die andere erwärmt, können bisweilen ganze Glasteile abplatzen.
Reinigung: Dass solche Objekte nichts im Geschirrspüler verloren haben, versteht sich von selbst. Allgemein darf man zur Reinigung aus oben erwähnten Gründen (Spannung) nur lauwarmes Wasser verwenden und danach gut abtupfen (Achtung Kalkränder) - aber niemals reiben!

Weitere Links
Dorotheum
Glasgalerie Michael Kovacek

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