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ars viva Prize 2014/15: Aleksandra Domanović, Yngve Holen, James Richards: Go and catch a falling star

Ob das Verhältnis verschiedener Kunstformen wie deren Urheber_innen von Kohärenz und/oder Divergenz geprägt ist, scheint mit einem Sowohl-als-auch beantwortet. Die Frage nach dem Und/Oder, die bereits im ersten Ausstellungsraum gestellt wird, der einen Aus- beziehungsweise Querschnitt durch die Editionstätigkeit eines in Berlin beheimateten Künstlers und Kurators präsentiert, nehmen in den übrigen Räumen divergente Formen an, zeigen sie aktuell und nach den Stationen Hamburg und Bonn die künstlerischen Positionen der drei Träger des ars viva-Preises 2014/15, der seit 1953 jährlich an junge in Deutschland lebende und arbeitende bildende Künstler_innen verliehen wird. Daraus ergibt sich eine spannende Schau, die zum einen Auszüge (25 Stück) der von Robert Meijer (geb. 1977, Beverwijk) initiierten und kuratierten Editionsreihe EN/OF in The Members Library des Grazer Kunstvereins zeigt, Werke der Gewinner_innen Aleksandra Domanović (geb. 1981, Novi Sad), Yngve Holen (geb. 1982, Braunschweig) und James Richards (geb. 1983, Cardiff) sowie diesen dialogisch integriert die dauerhaft ausgestellten Arbeiten der Serie The Peacock und Ian Wilsons Discussion (2013), dessen Werk bezeichnend für das Programm der Institution ist – nämlich sich mit dem kommunikativen Aspekt der Sprach- sowie Bildwerke in jedweder Hinsicht zu befassen. Nothing is written – der vierte Titel der 40. Ausgabe der Editionsreihe (Auflage je 100 Stück) von den Musikern Phantom Ghost, dem die Künstlerin Annette Kelm zur Seite kuratiert wurde, erweist sich nicht als richtig, wirft man einen Blick in die bereits 2005 erschienene Publikation zur Serie, die die ersten 30 Ausgaben dokumentiert. Die Bildwerke sind in Vitrinen versammelt und die dazugehörigen Musikstücke mittels Plattenspieler in der Ausstellung zweckentsprechend zu rezipieren. Ungewöhnlich ist die Form der Partizipation, kann man doch selbst den Inhalt, also die Reihenfolge und das Werk bestimmen, indem man als DJ einzelne Platten und Tracks auswählt und die Bildbeiträge in Eigenregie besichtigt. Einen Anfang und ein Ende gibt es nicht. Die experimentelle Versuchsreihe wurde 2001 in Kleve begründet, versteht sich als work in progress und befragt gleichzeitig das Verhältnis von Kunst und Musik. Das Editionsprojekt trägt den Titel EN/OF (niederländisch für und/oder, phonetisch ähnlich wie on/of oder and/or). In den beiden Hüllen eines Doppelalbums stecken eine künstlerische und eine musikalische Edition – dabei dient die Quadratur der kreisrunden Vinylplatte (30 x 30 cm) als strenge Formatvorlage während die Musiker jeweils eine LP bespielen. Daniel Richter und Sightings, Tacita Dean und Lee Ronaldo, Mathias Poledna und Stereolab, Thomas Demand und Pan American, Stan Douglas und Tim Hecker sowie AA Bronson und Andrew Zealley haben sich unter anderem beteiligt, konzipierten Bilder und Tracks speziell für dieses Format. Die Künstler und Musiker produzieren ihre Beiträge ohne inhaltliche Vorgabe und ohne sich gegenseitig zu beraten – das ist die Idee. Das dabei stattfindende genreübergreifende Moment stellt die Marktmechanismen des jeweiligen Endproduktes in Frage und betont dessen Mehrwert durch die Tatsache, sie in einem Kunstkontext zu verankern. Der Effekt ist, dass diese Wertigkeiten gleichzeitig verschoben werden, denn es ist unüblich Platten in einer so geringen Auflage zu produzieren, wohingegen für künstlerische Artefakte meist Gegenteiliges zutrifft und diese entweder als Unikat oder als Multiple ihren Platz auf dem Kunstmarkt einnehmen. Es ist keine herkömmliche Platte, in einer Hülle mit Cover und Booklet, und es ist kein gewöhnliches visuelles Kunstobjekt, das entweder gerahmt oder nicht an der Wand, in einer Vitrine oder dergleichen existiert. Das Projekt unterläuft gängige Methoden der Produktion, Präsentation und Distribution. Die Arbeiten existieren nebeneinander – deren Rezeption findet miteinander statt. Damit präsentiert sich in der Ausstellung ein imaginäres Museum der Gegenwart im Plattenformat und eine Sammlung elektronischer Musikproduktion der letzen Jahre und bietet einen komplexen Überblick über das zeitgenössische Kunst- und Musikschaffen. Dabei ist alles signed, numbered and dated. So can you feel die Rückverzauberung? Yngve Holen befragt die Beziehung zwischen Körper und Technologien, verweist auf Oberflächen und Ästhetik, visuelle Reize und deren Wirkweisen. Die Werke und deren Anordnung befördern Assoziationsketten – insbesondere die intuitiven Arbeiten von James Richards, der Bild- und Soundcollagen erschafft, die absolute Präsenz verheißen. Ein im Film verlesener Essay bespricht das Fetischobjekt. Gefundenes, geliehenes sowie selbst generiertes Bildmaterial wird zu einer Arbeit montiert. Helle und dunkle Konstruktionen finden sich im realen sowie im fiktiven Raum. Licht und Dunkelheit wechseln einander ab und dienen auch metaphorisch als Bezugssystem. Improvisation, Intuition, Divergenzen, Emotionen und Effekte – Rosebud (2013) zeigt zensierte Fotos aus einer japanischen Bibliothek, einen Wellensittich auf einer Hand sitzen, Aufnahmen unter und über Wasser. In seinen Videoarbeiten wird vorgeführt, wie sich Bildmaterial unterschiedlicher Provenienz mittels Soundtrack zu einem Konsistenten arrangieren lässt und wie Reizfaktoren, die gezielt vermieden werden wollen, eben dadurch verstärkt zutage befördert werden. Aleksandra Domanovi?s Arbeiten beherbergen hingegen einen (in)direkt politischen Appell, indem sie die Zeit vor und nach dem Jugoslawienkrieg behandelt und kulturelle sowie soziale Veränderungen thematisiert. Historische und aktuelle Bilder analysieren technische Entwicklungen, die Fragilität von Gesetzmäßigkeiten und gesellschaftlichen Konventionen sowie die Potenz im Drängen nach Freiheit – touching. Vom ersten bis zum letzten Ausstellungsraum korrelieren Bild und Ton – eine Versuchsanordnung in Einzelarbeiten sowie in der Zusammenschau. „Gerahmt“ wird, was „nicht zusammengehört“ und gezeigt wird, was sich nicht darstellen lässt. Nachdem die Komposition der Werke eine grosszügige Installation im Grazer Kunstverein vorsieht, bleibt ausreichend Raum für deren Betrachtung. Die unterschiedliche Praxis einer jungen Künstlergeneration fügt sich dem gemeinsamen Display und scheint gleichwohl daraus auszubrechen, wodurch das Und/Oder der Werkpositionen weiterhin eine Fragestellung bleibt.
ars viva Prize 2014/15: Aleksandra Domanović, Yngve Holen, James Richards
13.06 - 02.08.2015

Grazer Kunstverein
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Tel: + 43 316 83 41 41, Fax: + 43 316 83 41 42
Email: office@grazerkunstverein.org
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Öffnungszeiten: Mo - Fr 10.30 - 18.00 Uhr
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