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Rundgang 2015: Raum für Entdeckungen

Ausnahmezustand Rundgang? Keineswegs, zumindest nicht an der Frankfurter Städelschule. Es ist Sonntag, und draußen tobt der Fasching, der hier Fassenacht heißt. Davon bekommt man in der Dürerstraße 10 nichts mit. Bereits um elf Uhr, wenn die Tore zur Leistungsschau der gut 130 Studierenden öffnen, gehen die Besucher zahlreich ein und aus. Man erwartete um die 15 000 Kunstsinnige für das gesamte Wochenende. Das sind weniger als in den vergangenen Jahren, doch es liegt Schnee, und so mancher flüchtet auf Skiern vor dem bunten, lauten Schabernack der Funkenmariechen und Feierfreudigen. Doch die Flucht wird zum Versäumnis, denn es lohnt sich, weil die Städel-Rundgänge ein paar Alleinstellungsmerkmale haben: Die Studierenden kuratieren sich beispielsweise selbst. Ausgenommen vom Ausstellen sind bloß die beiden ersten Semester, doch davon tummeln sich ohnehin nicht so viele hier, denn Frankfurt zieht eher die Fortgeschrittenen an, die oft schon einen Abschluss haben. Außerdem werden gut zehn Preise vergeben, die mit 2000 bis 5000 Euro dotiert sind. Davon stiften die Gewinner übrigens zehn Prozent in die Studierendenkasse. Zwar haben sich die jungen Künstlerinnen diszipliniert und zumeist artig ihre Werke beschildert und Listen ausgelegt, doch was hier zu sehen ist, gleicht einem großen Experimentierfeld. Man bemerkt, dass hier ein Ort des freien Lernens ist.

Die Schule besitzt neben dem eigentlichen Stammhaus eine Dependance in der Hafengegend in der Daimlerstraße. Dorthin fährt regelmäßig ein Shuttle. Das ist der Schauplatz der Klasse von Tobias Rehberger. Hier hat Anina Trösch beispielsweise einen Wunschbrunnen installiert. Wenige Zentimeter tief, hat sie eine penibel-kreisrunde Form aus dem Boden geschnitten. Dann schaut man unter die Decke und bemerkt die Kupferrohre, die dort blank ohne Isolierung entlang laufen, und quasi als Pendant dazu die vielteilige Arbeit "untitled" von Martin Kähler. Er hat das Element des Raums aufgegriffen und grell blaue Isolierung hinzu gefügt, Beton angesetzt und aus Kupferdraht eine Linien durch den Raum ziehende Arbeit realisiert. Derartige kontextuelle Bezüge finden sich häufig. Gerade hier in der Daimlerstraße.

Noch vor dem renommierten Institut nebenan, dem Städelmuseum, über das Max Hollein herrscht, wurde die Frankfurter Kunsthochschule im Jahr 1817 gegründet. Heute betont der Lehrkörper den Diskurs. Hier werden nicht nur freie bildende Kunst, sondern auch Architektur und Curatorial und Critical Studies gelehrt. 70 Prozent der Studierenden kommen aus dem Ausland. Und man bewirbt sich direkt beim Professor und nicht an der Hochschule. Diese auch in der Organisation bestehende Freiheit liegt an einer Sonderrolle. Stehen Akademien in der Regel unter der Ägide der Bundesländer und sind somit abhängig von den entsprechenden Ministerien, ist die Städelschule eine städtische Einrichtung. Was aber auch Nachteile hat, etwa die chronische Unterfinanzierung. Dabei ist die Städelschule derzeit überall präsent und ein weltweiter Magnet für werdende Künstler.

Freiheit heißt für die Städelschule jedoch auch Freiheit vom Markt, um nicht von vornherein bestimmte Pfade festzutrampeln. Daher wird es nicht gern gesehen, wenn auf dem Rundgang verkauft wird, wie Philip Graf zu Solms-Rödelheim, Vorstandsmitglied des Städelschule Portikus Vereins schildert. "Aber wir können es natürlich nicht verhindern, dass vor allem amerikanische Galeristen sich hier intensiv umschauen."

Wie spiegelt sich die Freiheit der Lehre im Werk des Nachwuchses? Dr. Yamha, alias Salomo Andrén, der 1986 geboren ist, präsentiert ein seltsames, minimalistisches Klavierstück. Es ist das Ergebnis der eigenen Studien, denn er hat ein Jahr lang Klavierspielen erlernt und diesen Vorgang reflektiert und im High-End-Studio extrem aufgepimpt. Sulafa Hijazi, die in Damaskus geboren wurde, zeigt einen Ausschnitt aus einem prinzipiell endlos denkbaren Muster, wie es vielleicht muslimische Architektur schmückt. Nur dass bei der Betrachtung dieses scheinbar ungegenständlichen Bildes der Atem stockt. Denn das Ornament ist aus Stoffstreifen mit dem Muster von Tarnanzügen gemacht. Es reicht über die Leinwand hinweg und "strahlt" rundum auf die Wand aus. Einen pointierteren Kommentar zum Verhältnis zwischen Gottesstaat und säkularer Demokratie muss man erst finden.

Einer der Preise verdient eine besondere Betonung, denn hier geht es um das Miteinander. Nur wenige der Ehrungen sind mit Auflagen verbunden, aber der Preis der Landwirtschaftlichen Rentenbank zeichnet einen Atelierraum aus, der sich dadurch kennzeichnet, dass hier alle Künstler zusammen ein Setting entwerfen und ihre Arbeiten mittels einer verbindenden Raumgestaltung zueinander in einen erlebbaren Dialog setzen. Das Atelier W13 hat das Rennen in diesem Jahr gemacht. Die der Künstlerinnen zeigten nicht nur eigene Arbeiten, sondern luden auch andere Künstlerfreunde von außerhalb der Hochschule ein, um mit auszustellen. Mit Zeitungspapier wurde die Decke abgehängt, so dass nur diffuses Streulicht den Raum erhellt. Zudem haben sie Teppichboden ausgelegt und ein Sofa eingebaut. Im Zentrum steht eine Videoprojektion mit verschiedenen Clips, etwa von gemeinsamen Reisen mit Professor Michael Krebber.

Spannend auch was die Iranerin Mahsa Saloor (Ernst&Young-Preis) gedreht hat. Da sie sich sehr der Theorie zugeneigt hat, stiegen die Ansprüche an ihr Schaffen stark an. Doch zum Rundgang zeigt die Schülerin von Peter Fischli einen Film voller Leichtigkeit. Hier tanzen Spülschwämme oder Zahncreme-Streifen. Und man erkennt nicht, warum diese sich bewegen. Bei genauem Hinsehen lässt sich auf einen Lautsprecher schließen. Da wird das Unsichtbare sichtbar. Und ganz allgemein ist zu erkennen, dass Skepsis gegenüber den Newcomern nicht angebracht ist. In Frankfurt erstaunt vielmehr die hohe Qualität und konzeptuelle Dichte vieler Arbeiten. Hier ist der Raum für Entdeckungen.

Rundgang 2015
12 - 15.02.2015

Städelschule Frankfurt am Main
60596 Frankfurt, Dürerstraße 10
Tel: +49 (0)69 60 50 08-0, Fax: +49 (0)69 60 50 08-66
http://www.staedelschule.de/


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