Olivier Roy

Rainer Metzger, 09.01.15

Wer seine Arbeit kennt, hat gerade seinen Geschmack ziemlich im Mund. 2010 ist von ihm auf deutsch „Heilige Einfalt“ erschienen, es trägt den Untertitel „Über die politischen Gefahren entwurzelter Religionen“ und ist absurderweise im Moment nicht erhältlich. Man sollte sich ohnedies an das französische, 2008 publizierte Original halten. „Le temps de la religion sans culture“ heißt es hier und trägt die Diagnose schon auf dem Cover. Der Denker der Stunde jedenfalls ist nach den Ereignissen um „Charlie Hebdo“ Olivier Roy. 1949 in La Rochelle geboren, hat Roy unter anderem am SciencesPo in Paris unterrichtet, heute lehrt er an der European University in Fiesole.

Grundlage seiner Analyse ist ein Sachverhalt, den zur Kenntlichkeit gebracht zu haben er Osama Bin Laden zuschreibt: „Nicht der Zusammenprall der Kulturen ist die Quelle von Gewalt“, stellt Olivier Roy fest, „sondern die Trennung von Kultur und Religion“. Das ist nicht nur eine Absage an Samuel Huntingtons notorischen „Clash of Civilisations“, den man seit 2001 immer wieder bemüht, sondern auch eine an den Cultural Turn, der sich seit vielen Jahren mehr oder weniger aller modischen Gemüter bemächtigt hat. Was passiert, sagt Roy, ist gerade eine Ent-Kulturalisierung: Die Religionen verlieren ihre Rücklagen in den Milieus und Mentalitäten des Angestammten, sie werden frei verfügbar, flottieren, bilden Pools an Anlässen zur Militanz, die buchstäblich aus dem Zusammenhang gerissen sind. Wenn man es bunt treiben möchte, findet sich immer eine Glaubensrichtung, die das rechtfertigt. Der Islam ist nur eine davon, auch die Christen schlagen gern über die Stränge und kleiden ihre Fanatisierung in die Imperative einer wo auch immer hergeholten Prophetie.


Einer der vielen Cartoons der Solidarität mit den Opfern in der Redaktion von Charlie Hebdo von Magnus Shaw

In einem der gescheitesten Interviews, die ich seit langem gelesen habe, hat Susan Vahabzadeh für die Süddeutsche Zeitung vom 29./30. November 2014 mit Roy gesprochen. Anlass war damals noch die Attraktivität des IS. Die Wüstenkrieger hatten alles für sich, was der Wissenschaftler seit langem sagt: Relativ, auf den Anteil an der Gesamtbevölkerung hin betrachtet, so hat nämlich Roy errechnet, rekrutiert sich die Mehrheit der Halsabschneider, die sich Dschihadisten nennen, nicht aus Ägyptern oder sonstwie in Arabien Verwurzelten, sondern – aus Belgiern: „Das ist nicht der Nahe Osten“, so Roys Fazit, „der sich da gegen den Westen erhebt.“

Es ist ein krudes Gebräu an psychologischen Motiven, sozialen Maßnahmen und ökonomischen Mustern, das in die Hirne der Aktivisten steigt, um sie zu Gotteskämpfern zu erklären. Man wäre versucht, es Narzissmus zu nennen, was sie letztlich umtreibt. Die Ideologisierung steht, folgt man Roy, jedenfalls nicht am Anfang, sondern am Ende der Antriebskette: „Wenn ein Jugendlicher radikal werden will, dann tut er das – und wenn seine Eltern liberale Muslime sind, benutzt er genau das als Grund“.

Monotheismus treibt Missionarismus hervor, und überall in Islam und Christentum lassen sich Aufforderungen finden, sich die Welt vorzunehmen und in Grund und Boden zu planieren. Es gibt in ihnen im Gegenzug auch Ansätze zu jenen kraftvollen Dementis, die man Aufklärung nennt. In Richtung beider Möglichkeiten, in Radikalisierung wie in Liberalisierung, agiert eine bestimmte gesellschaftliche Schicht, an der es liegt, wohin der Wind weht. Olivier Roy: „Das Problem sind immer die Intellektuellen – wie Marx schon sagte: Das Lumpenproletariat macht nicht die Revolution. Der Prozess der Radikalisierung, den übernahm die Lumpenintelligenzija. Heute ist das Internet der Ort der Lumpenintelligenzija.“

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