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moment.mal – Theresa Lipp & Miriam Raneburger & Stefanie Dirninger: Über den affirmativen Charakter unseres Caféalltags

Eine junge Frau beobachtet still das einmal mehr und einmal weniger rege Treiben ihr gegenüber. Sie sitzt da, allein. Links von ihr steht ein leeres Glas auf einer Holztheke, auf der sie auch ihre Arme abgelegt hat. Durch die Platzierung realer Gegenstände innerhalb des Schaufensters, wie der Glühbirne im linken Bereich und dem schwarzen Schild mit weißen Buchstaben im rechten, auf dem „moment.mal“ steht, erhält die zweidimensionale und die gesamte Fläche der Nische füllende Fotografie einen installativen Charakter. Laut Ausstellungstext fungiert die junge, in sich ruhende Frau als Kontrast zum hektischen Kommen und Gehen des „Caféalltags“, fixiert den gegenüberliegenden Raum und scheint ihn mit ihrem Blick zum Stillstand bringen zu wollen. Mittig im Bild sitzt sie auf einem schwarzen Stuhl, trägt ihre brünetten Haare zu einem Dutt am Kopf zusammengebunden, eine streng zugeknöpfte weiße Bluse, eine weiße Hose und weiße Stoffschuhe, ihr rechtes Bein hat sie über das linke geschlagen und ihren Blick direkt auf die BetrachterIn beziehungsweise die CafébesucherIn gerichtet. Ihnen zugewandt scheint sie im ersten Moment eine alltägliche Handlung vorzuführen und die Situation ihr gegenüber im Café zu spiegeln, aber diese Doppelung weist Unterschiede auf. Besonders ist ihr Alleinsein. Der kommunikative Aspekt scheint hier völlig absent. Trotz des leeren Glases bleibt sie sitzen. Das Motiv provoziert Überlegungen zu gesellschaftlichen Konventionen, dessen Stilisierung zur Symbolik einzelner Elemente. So verleiht die weiße Kleidung dem Sujet einen Reinheitsaspekt, der von dem kargen Setting und der Blässe verstärkt wird. Die graue Betonwand dahinter scheint keinen Raum zwischen ihr und dem Schaufenster zu lassen. Eine vermeintlich gewöhnliche Geste verweist auf soziale Habitus. Wird aus etwas augenscheinlich Banalem eine Essenz extrahiert, tritt Erkenntnisreiches zutage. Demnach kann aus einer einfachen Glühbirne eine Bedeutung gelesen werden. Ist das Dargestellte als eine Aufforderung zu verstehen einen „Moment mal“ innezuhalten und über unser Verhalten nachzusinnen? Und gibt sich in der kontemplativen beziehungsweise reflexiven Haltung ein Warten beziehungsweise Sehen zu erkennen? Zweifelsohne zeigt sich eine Schauseite der gesellschaftlichen Wirklichkeit, die Kultur als ein Kernstück der bürgerlichen Praxis und Weltbetrachtung preisgibt. Darüber hinaus kann Weiß als die lichthaltigste Farbe, als die Farbe der Verklärung gelten und ein weißes Gewand auch wie einst die Personifikation der Tugend humilitas (Demut) kennzeichnen. Die Menschen bedürfen in ihrem Daseinskampf, so eine philosophische Ansicht, der Anstrengung, der Erkenntnis, des Suchens der Wahrheit, weil ihnen nicht unmittelbar schon offenbar ist, was das für sie Gute, Zuträgliche und Richtige ist. Laut Aristoteles beispielsweise ist das Leben geteilt in Muße und Arbeit und die Tätigkeiten sind geteilt in notwendige und nützliche und in schöne. Und dabei ist die Trennung des Zweckmäßigen und Notwendigen vom Schönen und vom Genuss der Anfang einer Entwicklung, welche das Feld freigibt für den Materialismus der bürgerlichen Praxis einerseits und für die Stillstellung des Glücks und des Geistes in einem Reservatsbereich der „Kultur“ andererseits. Marcuse schreibt, dass die Welt des Notwendigen, der alltäglichen Lebensbesorgungen, in ihrem Wesen unbeständig, unsicher und unfrei ist. Die Verfügung über die materiellen Güter ist nie ganz das Werk menschlicher Tüchtigkeit und Weisheit, denn der Zufall herrscht über sie. Das Individuum, welches sein höchstes Ziel: seine Glückseligkeit in diese Güter setzt, macht sich zum Sklaven von Menschen und Dingen, die seiner Macht entzogen sind und gibt damit seine Freiheit auf. Reichtum und Wohlstand kommen und bleiben nicht durch seine autonome Entscheidung, sondern durch die wechselnde Gunst undurchschaubarer Verhältnisse. Was von der Idee her als Faktizität erscheint, ist die materielle Welt, in der Menschen und Dinge als Waren einander entgegentreten. Charakteristisch dafür seien Freudlosigkeit und Gemeinheit, in der sich das Ganze der materiellen Daseinsverhältnisse immer wieder reproduziert. Die Antwort auf die Not des isolierten Individuums könne ausschließlich Menschlichkeit, auf das leibliche Elend nur Schönheit der Seele, auf die äußere Knechtschaft nur innere Freiheit und auf den brutalen Egoismus nur die tugendreiche Pflicht sein. Hatten zur Zeit des kämpferischen Aufstiegs der neuen Gesellschaft alle diese Ideen einen fortschrittlichen, über die erreichte Organisation des Daseins hinausweisenden Charakter, so treten sie in steigendem Maßen mit der sich stabilisierenden Herrschaft des Bürgertums in den Dienst der Niederhaltung unzufriedener Massen und der bloßen rechtfertigenden Selbsterhebung und verdecken somit die leibliche und psychische Verkümmerung des Individuums. So wird die von Theresa Lipp, Miriam Raneburger und Stefanie Dirnberger dargestellte Situation zum Sinnbild einer Wohlstandgesellschaft, die angesichts sozial-politischer, wirtschaftlich-ökonomischer Krisen und Entwicklungen derselben zu entfliehen sucht um sich mittels diversen Rollenspielen an deren jeweiligen Ausdrucks- und Erlösungsform zu erbauen.
moment.mal – Theresa Lipp & Miriam Raneburger & Stefanie Dirninger
30.09 - 07.12.2014

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