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Dominik Steiger - Retrospektive: Ernsthafter Unsinn

Nichts war vor ihm sicher. Kein noch so kleines oder grosses Stück Papier, Kassabons, allerlei Zettel, bedruckt oder beschrieben, Schürzen, Jacken oder auch alte Unterwäsche, Schuhe, Nudelwalker, oder Tragegriffe der Firma Kober. Auf allem zeichnete, schrieb und malte er, aus und mit allem schuf Dominik Steiger seine Objekte. Skurrile Dinge, sinnlos vielleicht, aber nicht ohne Sinn, ernsthafter Unsinn oder besser gesagt verwandelter Sinn, der noch dem banalsten Gegenstand Aufmerksamkeit entgegenbrachte und den er seiner gestalterischen Fantasie unterwarf. Schreiben, zeichnen, malen, technische Gerätschaften erfinden, die vielleicht nie zu irgendetwas taugen würden - aber für den Moment waren sie wichtig und richtig. Und wie man in der Ausstellung in der Kunsthalle Krems erfahren kann, sind sie bis heute richtig und wichtig. 400 Bilder, Objekte, Collagen und Schriften, CDs und Videos lassen ein Künstlerleben erkennen, das eher im Verborgenen blühte und gedieh. Dominik Steiger war im Rahmen der modernen (modischen?) Kunstszene nie wirklich prominent, er war aber doch immer da und überall dabei. Seit den 1960er/70er Jahren, bei der Wiener Gruppe und den Aktionisten, bei den Literaten und all denen, die den Mief der Tradition überwanden und mit Mut und Frechheit der Kunst Luft gaben und sie sozusagen neu erfanden. Er war dabei wenn heiter-ernsthafte Vereine gegründet wurden, wie der Micky-Maus-Klub oder der Geselligkeitsverein „Die Zeugen“, er bezeichnete sich als Mitglied der „Tagtraumarbeiterpartei“, oder als „quantenfanatischer Infanterist der Fantasie“. Seine Freunde waren Kurt Kalb, Oswald Wiener, Walter Pichler, Christian L. Attersee, Peter Weibel, Gerhard Rühm. Gemeinschaftsarbeiten entstanden sowohl mit Dieter Roth, wie mit Günter Brus, mit Hermann Nitsch und Joseph Beuys. Nie, oder nur selten, trat Dominik Steiger hervor, er liess den Vortritt den anderen, blieb immer eher im Hintergrund. Peter Weibel nennt diese Art der Steiger‘schen Zurückhaltung: „Präsenz durch Absenz“. Großgewachsen und mit stoischem Gesichtsausdruck, wusste man nie, lacht er jetzt? Macht er sich über das Publikum lustig? Oder ist das einfach seine Art, dieses sich nicht aufdrängen, als tue er das alles nur für sich. Eher scheu und absolut nicht laut. Er konnte beispielsweise am Rand eines künstlerischen Geschehens sitzen, als ginge ihn das alles gar nichts an, aber dann ist er doch einer der Mitspieler. Trotz seiner Freundschaft mit den wichtigsten Künstlern der wichtigen Jahre des Aufbruchs nach dem Krieg, trotz seinem eigenen Aufbruch in die Kunst, die Zeichnerei, die Schreiberei, blieb Dominik Steiger der Außenseiter, der Eigenbrötler oder wie er selbst sagt: „Fad wird mir natürlich nie, weil ich sehr gerne meine Eigenbrödele schmiere“. Seine Arbeit entstand im Atelier am Dannebergplatz, oder im Garten in Eichgraben, er war sich selbst genug und seine Fantasie brauchte keine äusseren Anlässe, alles konnte ihm Grund für einen Text oder ein Bild sein, für eine Collage oder was auch immer ihm gerade einfiel. Er war voll von Ideen und Träumen, sein Erfindungsreichtum kannte keine Grenzen. Wenn ihm ein Text in den Sinn kam, dann schrieb er ihn auf einen Fetzen Papier oder auch auf einen Arbeitsmantel. Manchmal liess er die Texte so stehen, liess die „letter fallen“, öfter aber überarbeitete er das Geschriebene mehrmals und äußerst sorgfältig. Einen „Schichtarbeiter“ nennt ihn Brigitte Huck. Wenn er ein Reststück Holz fand, entdeckte er, dass daraus ein Schiff werden könnte und wenn er Farben zur Hand hatte, malte oder kritzelte er auf Papier, seltener auf Leinwand – alles, wirklich alles war ihm Material für sein heiteres, ironisches, schalkhaftes und doch ernsthaftes Spiel. Manches schien wie zufällig entstanden, anderes wiederum war sehr genau komponiert. Aber man konnte das nie auseinanderhalten. Seine Mimik liess nicht erkennen, ob ihm bei einem Text ein literarischer Ansatz wichtig war, oder ob es ein Wortspiel war – eine „süffisante wortclownerie“ – wo es ihm auf die Anordnung der Buchstaben eher ankam als auf ihren Sinn. Obwohl der natürlich vorhanden war, allerdings manchmal versteckt und man musste sich bemühen ihn zu entziffern und zu erkennen. Für die Ausstellung in Krems hatte Dominik Steiger sein Archiv geöffnet das aus tausenden Blättern, aus Zeichnungen, Aquarellen, aus Postkarten, Fotografien, und Gegenständen aller Art besteht. Er war penibel ordentlich, sein Archiv in Schubladen, Regalen und Schränken sorgsam geordnet. Eine kluge Auswahl, die Hans-Peter Wipplinger noch mit Dominik Steiger getroffen hatte, ist in der Kunsthalle Krems ausführlich präsentiert, übersichtlich gehängt und angeordnet – ich möchte sogar sagen, es ist eine höchst elegante Präsentation, elegant wie Dominik Steiger ja auch war. Die Ausstellung in der Kunsthalle ist eine kunsthistorische Tat und ein Glücksfall, die einem wunderbaren, vielseitigen und hochbegabten Menschen erstmals in diesem Umfang Raum und Öffentlichkeit gibt und es ist zu hoffen, dass über die Zeit der Ausstellung hinaus der mit Text und Bild sorgfältig gestaltete Katalog das Interesse an dem Ausnahmekünstler weckt und wach hält. Dominik Steiger hat die Realisierung von Ausstellung und Katalog nicht mehr erlebt, er ist im Januar 2014 gestorben.
Dominik Steiger - Retrospektive
15.11.2014 - 08.02.2015

Kunsthalle Krems
3500 Krems, Franz-Zeller-Platz 3
Tel: +43-2732 90 80 10, Fax: +43-2732 90 80 11
Email: office@kunstalle.at
http://www.kunsthalle.at
Öffnungszeiten: Di - So und Mo wenn Feiertag 10-18 Uhr; in den Wintermonaten 10-17 Uh


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