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Sitzecken und Hausbesuche: Vorbild Bibliothek?

Der Anlass für diesen Text liegt einige Wochen zurück: Nach einem Wochenende, an dem ich in zwei verschiedenen Bundesmuseen nur Schulterzucken erntete, als ich mich bei den Aufsichtskräften nach dem Ort bestimmter Exponate erkundigt hatte, besuchten mein Sohn und ich wieder einmal die städtische Bücherei ums Eck: Der Kleine erkundigte sich bei der anwesenden Mitarbeiterin nach einem bestimmten Buch. Er wird daraufhin an den Aufstellungsort geführt und zugleich in eine fachkundige Diskussion verstrickt, ob denn dieses Buch das Richtige für ihn wäre. Da der Bub darauf besteht, darf er es natürlich gleich aus dem Regal nehmen und zieht sich damit in die Leseecke zurück. Später schließen wir den kostenlosen Entlehnvorgang mit derselben Mitarbeiterin ab und verlassen die – barrierefrei im Erdgeschoß eines Gemeindebaus gelegene – Zweigstelle. Dabei spricht das Kind bereits davon, dass es sich beim nächsten Mal hier die Fortsetzung des soeben begonnenen Buches besorgen wird.

Nun bin ich ja auch mit den Kinderangeboten der Wiener Museen zufrieden, weswegen ich festhalten möchte, dass es bei den folgenden Ausführungen weniger um die Kinder geht, als um die Würdigung eines institutionellen Selbstverständnisses, in dessen Mittelpunkt ein Auftrag steht, der Kindern und Erwachsenen gleichermaßen zu Gute kommt. Dieser Auftrag hat mit Bildung, Niedrigschwelligkeit und Nutzbarkeit zu tun. Dies kann jeder nachvollziehen, der einmal die Wiener Hauptbücherei besucht hat, wohin es uns ein paar Tage später verschlug. Zwar ist dieses Gebäude absurderweise architektonisch als Trutzburg ausgeführt, doch bereits der Eingangsbereich verwirrt den in Museen konditionierten Besucher: Wie auch in anderen modernen Bibliotheken wird der Weg von der Straße bis zum Buch nämlich durch niemanden unterbrochen. Der unsichere Gast aus dem High-Security-Kunstbereich fragt zur Sicherheit noch einmal nach, um bestätigt zu bekommen, dass er sich ohne Ticket selbstverständlich überall frei bewegen dürfe. Die kostenlose Nutzung der Garderobe wird freundlich empfohlen, ist jedoch ebensowenig vorgeschrieben, wie der Besitz einer Tages- oder Jahreskarte. Diese ist nur für die Entlehnung aber nicht für die Inanspruchnahme des Angebots vor Ort notwendig. Hat man sich einmal an die vorherrschende »Ja klar!« Mentalität gewöhnt, wundert man sich nicht darüber, dass die zusätzliche Entlehnkarte für die Tochter auch gleich bei den mitten im Kinderbereich platzierten MitarbeiterInnen gelöst werden kann, womit dann für beide Kinder gemeinsam bis zu 50 Medien pro Besuch entlehnbar wären. Natürlich wissen diese MitarbeiterInnen auch wieder hervorragend über das Angebot Bescheid und zugleich informieren sie darüber, dass – Ja klar! – die hier entlehnten Bücher auch in jeder anderen der insgesamt 38 Zweigstellen wieder zurückgegeben werden könnten. Sollte man sie länger behalten wollen, könnte man die Leihfrist ja online verlängern. Online erfahre ich dann noch, dass mittlerweile knapp 30.000 Titel digital – und damit 24 Stunden täglich – verfügbar sind. Beinahe gerührt von einer Institution, die ihren öffentlichen Auftrag sehr ernst zu nehmen scheint, lese ich dann noch vom Hausbesuchsdienst für diejenigen, »denen der Weg in die Bücherei zu beschwerlich geworden ist«.

Sie haben es bemerkt: Hier spricht ausnahmsweise einmal der laienhafte Fan und nicht der kritikbereite Kollege. Mir ist auch klar, dass BeobachterInnen aus der Bibliotheksfachwelt vielleicht Kritik an Punkten üben würden, die mir entgehen. Dennoch frage ich mich, ob es für Kunstinstitutionen nicht doch einiges aus der Entwicklung des Bibliothekswesens zu lernen gäbe? Wäre es nicht auch für Museen und Kunsthallen eine gute Idee außerhalb von Führungen und Veranstaltungen sachkundige MitarbeiterInnen in die Ausstellungen zu setzen? Ist ein KuratorInnenschreibtisch direkt neben der Kunst von vornherein absurd oder böten sich dann Dialogchancen, von denen beide Seiten profitieren könnten? Wäre ein einfaches Verweil- und Studienangebot – für alle und direkt in den Dauerausstellungen – nicht naheliegend? Wäre es vorstellbar eine bestimmte Auswahl der omnipräsenten Bewegtbilder auch ausleihen zu können, anstatt einem Kleinsteditionsmarkt von technisch beliebig reproduzierbarer Kunst zu huldigen? Wenn wir »Harry Potter« in der Bücherei für 0,75 Cent pro Woche bekommen, warum dann nicht auch gleich Pierre Bismuths mehrsprachiges »The Jungle Book Project«, das ohnehin nur realisiert werden konnte, weil in vielen Sprachen synchronisierte Original-DVDs leicht erhältlich waren?

Doch es ist weniger die Möglichkeit zur Leihe, weswegen das System Bibliothek zum Vorbild für einen legitimationssuchenden High-End-Kunstbetrieb taugen könnte: Die größere Sprengkraft läge in der Umwidmung der institutionellen Konzentration vom Objekt hin zur Inanspruchnahme durch die Bevölkerung und in der Akzeptanz einer Rolle als alltäglicher urbaner »Nahversorger«. Es geht nicht darum, aus dem Museum Kunstwerke physisch ausleihen zu können, aber es sollte für öffentliche Institutionen darum gehen, als Organisationen mit Menschen, Wissen und Objekten zur alltäglichen Nutzung bereitzustehen. Aus dieser Haltung heraus müsste jedoch den internetsurfenden Teenagern, die gerade in Simmering in der neuen Bücherei sitzen, ebenso ein Angebot gemacht werden, wie der kunstsinnigen Senior_innengruppe und den vielen neuen städtischen »Nachbarschaften«, für die vielleicht auch Zweigstellen zu überlegen wären.

Diese Wandlung ist jedoch nicht einfach: Vor allem der hohe Wert von Kunstwerken und ihre Fragilität stellt hier beträchtliche Hürden auf. Manchmal kommt einem jedoch der Gedanke, dass es nicht so sehr die Sicherheitsaspekte sind, die für die Barrieren sorgen, sondern der Umstand, dass viele Beteiligte nicht nur auf die Kunstwerke aufpassen müssen, sondern auch auf die Interessen derer, die sie finanzieren könnten. Für die Konzeption einer Sitzecke oder gar einen Hausbesuchsdienst bleibt wohl häufig keine Aufmerksamkeit mehr übrig, wenn mit aller Kraft um jene geworben werden muss, von denen man sich Leihgaben, Spenden, Nachlässe und Stiftungen erwartet.

Ihre Meinung

4 Postings in diesem Forum
tja-
bitteichweisswas | 22.09.2014 06:13 | antworten
so isses-
mag.dr.
christine könig | 23.09.2014 07:18 | antworten
ich stimme diesem bericht und diesen überlegungen zu. auch ich hatte diese positive erfahrung mit öffentlicher biblothek und kind. noch ein geschenk aus der ersten republik? übrigens bieten galerien genau das, was von museen gewünscht wird: kein eintrittsgeld, persönliche information, wenn gewünscht, texte auf deutsch (und englisch), bänke zum sitzen, sogar eine toilette für besucher. und espresso für nette besucher! plus lange öffnungszeiten...
Genau!
Maribel Königer | 23.09.2014 08:28 | antworten
Stimme dieser Kolumne zu 100 % zu! Dafür müsste man in Kulturproduktion allerdings auch einen Bildungsauftrag sehen. Und diese Haltung sehe ich nicht wirklich.
Nahversorger für Wissenschaft
Barbara Streicher | 09.10.2014 04:34 | antworten
super Artikel! Ein ähnliches Konzept mit kompetenter Betreuung und Niederschwelligkeit verfolgt auch der "Wissens°raum" - statt Museum ein frei zugänglicher Raum mit Anregungen zum selbst Erforschen und zum Dialog über Wissenschaft und Technik. Ganz bewusst in sozioökonomisch benachteiligten Grätzeln. www.science-center-net.at/wissensraum

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