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Schon wieder: Plagiat

Der Wagenbach Verlag, bundesrepublikanische Institution, die er ist, feiert in diesem Sommer seinen 50. Geburtstag. Man müsste ihm ja gratulieren, doch das, was jetzt kommt, wird ein wenig Spucke verteilen auf dem Jubiläumskuchen. Verena von der Heyden-Rynsch, Autorin in München und Paris, hat in der Salto-Abteilung des Hauses ein Buch über Aldus Manutius publiziert, den venezianischen Hersteller von bibliophilen Kostbarkeiten, ja, recht eigentlich den Begründer des Prinzips Bibliophilie. Untertitel des „Werkes“: „Vom Drucken und Verbreiten schöner Bücher“. Leider muss das „schöner“ in diesem Fall verbessert werden. Es muss heißen „abgeschriebener“, denn nichts anderes hat die Autorin fabriziert.

Die Quelle ist wikipedia. Bevor jetzt seitenweise Belege herangekarrt werden, nur ein einschägiges Beispiel. Bei wikipedia steht unter dem Stichwort „Konstantinische Schenkung“ der folgende Satz: „Die Päpste nutzten die Urkunde, um ihre Vormacht in der Christenheit und territoriale Ansprüche zu begründen.“ Im Buch steht: „Die Päpste nutzten diese Urkunde jahrhundertelang hemmungslos, um ihre territorialen Machtansprüche zu begründen.“ Müßig anzumerken, dass dieser Satz nicht aus dem Zusammenhang gegriffen ist, sondern auch die vorhergehenden und nachfolgenden per Copy and Paste angeeignet wurden. Interessant sind vor allem die kleinen Änderungen: Manches ist auf einen Begriff eingedickt, anderes dagegen mit ein wenig Expressivität aufgeladen - ein souverän gesetztes „hemmungslos“ macht das Referat dramatischer und den Unterschleif womöglich ein wenig ungeschehener.

Die Quelle ist wikipedia. Man fragt sich, wozu es immer noch Autoren gibt, die die, sagen wir, Vereinfachung ihrer Arbeitsprozesse ausgerechnet diesem Universalangebot anvertrauen. Manutius' Leib- und Lieblingsbuch hört auf den wunderbaren Namen „Hypnerotomachia Poliphili“, er hat mit dieser Traumliebeskampfschrift der Esoterik der Renaissance das Manifest mitgegeben. Natürlich kommt es in von der Heyden-Rynschs Machwerk vor, mit reichlich Inhaltsangabe, die wieder von wikipedia stammt. „Als er seine Geliebte in die Arme schließen will, entschwebt sie wie ein Nebelhauch“, liest sich ein Satz im Buch, und gerade dessen zweiter Teil ist so einschlägig poetisierend, dass die Eingabe der Wortfolge bei google sofort und unmittelbar zu wikipedia führt. Dass die Flickschusterei einem beim Schnellschreiben hilft, sei ja noch verstanden. Aber für wie dumm hält man die Leser: Glaubt die Autorin, nur sie verfüge über Suchmaschinen?

Der Hieronymus Aleander auf Seite 95, der an den Hof Karls des Fünften geschickt wurde, um, wie es im Buch und bei wikipedia heißt, „Kaiser und Reich gegen die Reformation zu mobilisieren“, ist derselbe Mensch wie Girolamo Aleandro, der im Register einen eigenen Eintrag hat. Das sind Dinge, die man als Rezensent normalerweise dem Lektorat in Rechnung stellt. Fehler im Register! Wenn es das wäre! Lieber Wagenbach-Verlag: Diese Publikation ist ein tiefer Griff in die unterste Schublade.

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