Wiener Werkstätte

Olga Kronsteiner, 24.02.03

100 Jahre Wiener Werkstätte (WW), 1903-1932
Das Programm der "Productivgenossenschaft von Kunsthandwerkern" sah neben der Reformation der zeitgenössischen angewandten Kunst auch eine Förderung der allgemeinen Geschmacksbildung vor. 1903 wurde die Wiener Werkstätte (WW) gegründet und zeichnete jahrelang für eine breite Produktpalette verantwortlich: vom Unikat über die Kleinserie bis zum Industrial Design. Zehntausende von Entwürfen, vorwiegend berühmter Künstlerpersönlichkeiten, wurden in den unterschiedlichen Werkstätten gefertigt oder bei fabriksmäßiger Produktion von in- und ausländischen Industriebetrieben ausgeführt. 100 Jahre später gehören Objekte der WW zu den weltweit hochdotiertesten im Segment angewandter Kunst und der Sparte Jugendstil.

Historischer Background
Wien um 1900. Die achte Secessionsausstellung findet statt und bietet einen Überblick über die wichtigsten Entwicklungen auf dem Sektor des Kunstgewerbes. Die genossenschaftlich hergestellten Möbel der englischen Kollegen beeindrucken die Wiener Künstler, nicht aber das heimische Publikum. Die Arbeiten der Secessionskünstler Josef Hoffmann und Kolo Moser finden dagegen in ihrer Zweckmäßigkeit, dem Verzicht auf schmückendes Beiwerk und der damit erklärten Absage an den Historismus wie dem in Frankreich propagierten floralen Jugendstil, großen Anklang. In der Praxis stoßen die leidenschaftlichen Secessionisten aber immer wieder an die Grenzen der produzierenden Firmen, auch wenn die zahlreichen Tischlereien, Möbelfirmen, Textilerzeuger oder Glas- und Porzellanverleger den Kontakt mit den Künstlern suchen. Die Ambitionen der Entwerfer sind nur selten mit dem Pragmatismus oder der Engstirnigkeit der Handwerker in Einklang zu bringen. Das annähernd ideale Konzept finden die Wiener Künstler in den englischen (William Morris) und schottischen (Charles Rennie Mackintosh) Beispielen realisiert, wo das Prinzip der Werkstätten bereits umgesetzt wird: zurück zur rein handwerklichen Produktion und zur Organisationsform der mittelalterlichen Zünfte.

WW-Produktpalette
Im Frühjahr 1903 erfolgte die Eintragung ins Handelsregister: "Wiener Werkstätte, Productivgenossenschaft von Kunsthandwerkern in Wien registrirte Genossenschaft mit unbeschränkter Haftung". Bereits zu Beginn verfügte man über zahlreiche Werkstätten: für Gold- und Silberarbeit, für Metallarbeit, über eine Buchbinderei, eine Werkstatt für Lederarbeit, ein Baubüro, eine Tischlerei und eine Lackiererei, 1910/12 folgte eine Mode-, 1916/17 eine Keramikabteilung. Die Arbeit in den Werkstätten beschränkte sich nicht nur auf Entwurf und Ausführung (auch externer Firmen) von Einzelobjekten, sondern umfasste die ganzheitliche Durchgestaltung von Bauprojekten. Zu den bekanntesten zählen hier das Sanatorium Purkersdorf sowie der Paradebau, das Palais Stoclet. Hier verwirklichten Josef Hoffmann und Kolo(man) Moser von 1906 bis 1911, gemeinsam mit bekannten Künstlergrößen wie Gustav Klimt, die Idee des Gesamtkunstwerkes.

Marktentwicklung & Angebot
Ganz allgemein nahm die WW bis zu ihrer Schließung 1932 mit ihren avantgardistischen Lösungen Stile, wie die geraume Zeit später propagierte "Neue Sachlichkeit" oder des Art Deco vorweg. Die formal strengen, schlichten und formschönen Objekte, waren von Funktionalismus und Konstruktivismus geprägt. Damals als Inbegriff des modernen, immer ein wenig seiner Zeit vorauseilenden Wiener Geschmacks, zählen die Arbeiten der WW heute zu begehrten Sammlerobjekten; vor allem im Bereich der Edelmetalle. Nach dem Jugendstil-Boom Ende der 80er Jahre, hat sich die Preisgestaltung egalisiert. Hohe Preise werden für Namhaftes (etwa aus dem Sanatorium Purkersdorf) sowie für seltene und damit museale Ausführungen.
Mit der wissenschaftlichen Aufarbeitung der Modellbücher wurde nämlich so mancher Entwurf als "Massenartikel" entlarvt. Nichtsdestotrotz zählen diese zu den ersten industriell gefertigten Kostbarkeiten der WW. So beispielsweise Schalen, Vasen oder das gängige Produkt "Henkelkörbchen", für das zumindest 5000 Euro veranschlagt werden. Aufsatzschalen kosten dagegen ein Vielfaches und besondere Stücke, wie der im Juni vergangenen Jahres bei Christie`s (Amsterdam) aus der Sammlung Herman Dommisse versteigerte, toppen schon mal Expertenschätzungen: In dem 1904 von Kolo Moser entworfenen - nur sechs mal ausgeführten - Aufsatz wurden 108 Lapislazuli-Steine und feinstes Elfenbein verarbeitet. Die Rarität war einem Privatsammler 100.000 Euro wert.
"Gut dokumentierte Spitzenware", so Dorotheums-Expertin Julia Blaha, "wird immer ihren Preis erzielen". Die Nachfrage an Produkten der WW - egal ob Glas, Keramik, Metall oder Möbel - ist ungebrochen, auch weil die reichhaltige Produktpalette den klassischen Sammler genauso, wie den "Laufkunden" mit ästhetischen Vorlieben lockt.

Achtung Fälschungen
Der Einstieg erfolgt in erster Linie über die Investitions- und in zweiter Linie über die Informationsbereitschaft. Wer sich der Expertenschaft anvertraut, kann das Risiko in Grenzen halten. Denn nicht alles, was mit "WW" gemarkt scheint, ist auch original. Schon deshalb empfehlen sich keine Flohmarktkäufe. Die 90er Jahre gelten als Blütezeit der Fälscher; heute sind ihre Produkte für Laien oftmals nicht von Originalen zu unterscheiden - das betrifft sowohl gezielte Fälschungen als auch Umbauten zu "gängigen" Objekten.

Markttipp
Sämtliche internationale Auktionshäuser bieten in den einschlägigen Sparten Arbeiten der Wiener Werkstätte an: Jugendstil, Art Deco, Decorative Arts, Möbel etc. Und auch der Handel bietet eine breite Palette, wobei es nur wenige ausgesprochene Spezialisten gibt, bei denen gezielt "Wiener Werkstätte"-Produkte gekauft werden können.
Dazu zählen in Wien etwa die Galerie bei der Albertina, Bel Etage und der auf Keramik spezialisierte Kunsthandel Michitsch.

www.galerie-albertina.at
www.beletage.com
www.elisabeth-michitsch.at

www.christies.com
www.dorotheum.com
www.palais-kinsky.com
www.sothebys.com

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