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Art and Destruction Since 1950 / Damage Control. Body Art and Destruction 1968-1972: Im Sog der Zerstörung

Selbstverständlich kann diese breit gefasste Doppel-Ausstellung rund um Konzepte der Destruktion, Zerstörung und Selbstverletzung nicht derart spektakulär daherkommen wie "out of action" 1998. Während hier das Motiv der Destruktion in der Zeitgenössischen Kunst allgemein bearbeitet wird, ging es damals mit enormem Materialreichtum um die Etablierung der These, dass radikale Formen der Performance und Aktionskunst an mehreren Orten der Welt gleichzeitig aufkamen. Mittlerweile ist vieles davon kanonisiertes Wissen oder Sammlungsbestand. In Wien ist die Sammlung Friedrichshof im mumok repräsentiert, und Graz hat seit 2008 sein Bruseum.

Dort vom Œuvre des Günter Brus ausgehend verschiedene Verbindungslinien in Richtung Destruktion und Body Art zu ziehen, würde sich geradezu aufdrängen. Allerdings bildet dieser Aspekt eher ein Zusatzkapitel zur zentralen Ausstellung im Kunsthaus Graz. Sie wurde vom Hirschhorn Museum Washington ausgerichtet und kuratiert von Kerry Brougher und Russel Ferguson.

Als Auftakt am Beginn zu sehen ist die Filmaufnahme einer Atombombenexplosionen von Harold Edgerton (1950) als Symbol der Massenvernichtung, das für die zynische Machtdemonstration Amerikas zu Ende des Zweiten Weltkriegs steht und eines der historischen Paradigmen der post war era war. Bald aber zeigt sich, wie schnell die Ausstellung sich in hochinteressante Einzelwerke aufgliedert, kaum jedoch durch deutlich abgegrenzte Kapitel oder Themen zusammen gehalten wird, weil sie Konzepte ritualisierter Zerstörung in nahezu allen Kunstsparten verfolgt.

Die Unterschiedlichkeit der Herangehensweisen zeigt etwa das Spektrum zwischen Ai Weiweis berühmter Fotoserie, in der dieser eine Ming Vase zu Boden fallen lässt, Gordon Matta Clarks "Humphry Street Splitting" eines nicht mehr bewohnten Hauses (1974) und Pipilotti Rists Video, in dem ein Mädchen durch eine Straße schlendernd die Scheiben parkender Autos anarchisch-spielerisch einschlägt (1997). Auch Christian Marclays Video mit über den Boden gezerrter und geschundener E-Gitarre kommt übrigens vor. Nicht zuletzt begegnet man der beeindruckenden Weiter-Bearbeitung der "Desastres de la Guerra" Goyas durch die Chapman Brothers ("Injury to insult injury", 2004). Ganz anders dann und sehr realpolitisch und gegenwartsbezogen Luc Delahayes Breitwandfotoarbeit "Jenin Refugee Camp" (2001), die den Konflikt zwischen Israel und den Palästinensern fokussiert, indem sie zerstörte Siedlungsteile nach einem Angriff durch israelische Truppen detailgenau zeigt. Dies allein illustriert die enorme Vielfalt. Selbst politisch aufgeladene Werke können thematisch und formal weit auseinander liegen.

Eine der Leistungen des Projekts ist somit die Öffnung des Begriffs der Destruktion. Genau deshalb aber zerfranst die Ausstellung auch. Während Luc Delahayes nämlich real bedrohliche Situationen, die absolut nicht künstlerisch gemeint sind, fotografisch dokumentiert, agiert Ai Weiwei performativ mit einer Geste, die das Politische dahinter bloß antippt. Jean Tinguelys selbstzerstörende Maschinen hingegen stehen im Kontext autodestruktiver Kunst. Arnold Odermatt wiederum war Polizeifotograf. Die Qualität seiner schwarz-weiß Fotografien von durch Unfälle ramponierter Autowracks manifestiert sich vor allem im Widerspiel zwischen Sachlichkeit und Pathos.

Weil die jeweiligen künstlerischen Positionen der Ausstellung eben noch viel mehr beinhalten als das Moment der "Destruktion" in einem allgemeinen Sinn, ließen sich offenbar kaum klar umrissene Zonen im Sinne thematischer Schwerpunkte schaffen. Dem kommt die offene Architektur der Ausstellung entgegen, sie ermöglicht es, assoziativ durchzunavigieren und neue Lesbarkeiten zu erschließen.

Konziser, weil thematisch und zeitlich eng umgrenzt, ist die Ausstellung des Bruseum in der Neuen Galerie Joanneum (kuratiert von Johann Grabner). Ausgehend von den letzten, bis an ihre Grenzen gehenden Aktionen des Günter Brus, wie "Zerreißprobe", fokussiert sie in Video- und Fotoarbeiten den Körper als Material und somit bald als Objekt von Akten der Autodestruktion in den 1960er und 70er Jahren. Darunter Vito Acconci, der sich die Haare vom Körper biss und von seinen Brustwarzen abbrannte oder Stephen Laub, der sich für "Smile Support" (1969) von einer eigens gebauten Vorrichtung die Mundwinkel auseinander zerren ließ. Weiters vertreten unter anderen Chris Burden, Terry Fox, Peter Weibel, Dennis Oppenheim oder VALIE EXPORT. Eine konzentrierte Zusammenschau, die in einigen Momenten immer noch erschaudern lässt und zeigt, was das große Hirschhorn Museum wegließ.

Art and Destruction Since 1950 / Damage Control. Body Art and Destruction 1968-1972
14.11.2014 - 15.02.2015

Kunsthaus Graz
8020 Graz, Lendkai 1
Tel: +43/316/8017-9200, Fax: +43/316/8017-9800
Email: info@kunsthausgraz.at
http://www.kunsthausgraz.at
Öffnungszeiten: Di-So 10-18, Do 10-20 Uhr

Neue Galerie Graz
8010 Graz, Joanneumsviertel
Tel: +43 316 8017-9100
Email: joanneumsviertel@museum-joanneum.at
http://www.neuegalerie.at
Öffnungszeiten: Di-So 10-17 h


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