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13. Istanbul Biennale: Kunst am Rande des Mutes - Wenn eine brutale Realität zuschlägt

Mit „Last chance“ ist die heutige Presseaussendung der Istanbul Biennale betitelt. 230.000 BesucherInnen haben sie bei freiem Eintritt bis dato besucht. Trotz Publikumserfolges steht die 13. Istanbul Biennale, in der Werke von 88 großteils aus Südamerika oder der Türkei stammenden KünstlerInnen, KünstlerInnen-Kollektiven und PerformerInnen gezeigt werden, unter dem Vorzeichen einer programmatischen Niederlage. Die 13. Istanbul-Biennale, organisiert von der Istanbul Foundation für Kultur und Künste, gestaltet sich zu einem Kunstgroßereignis. Die reale politische Situation, die brutalen, polizeilichen Übergriffe gegen DemonstrantInnen bei der Räumung des Gezi-Parkes, zwangen die Biennale-Kuratorin Fulya Erdemci zur Kapitulation ihrer Visionen von Kunst im öffentlichen Raum und zum Überdenken eines neuen Konzeptes von Öffentlichkeit. Bereits im Januar 2013 wurden 80.000 Unterschriften gegen die Immobilienpläne zur Umstrukturierung am Taksim-Platz und die Zerstörung des Gezi-Parks gesammelt. Die anhaltenden Proteste durch Bürgerinitiativen wurden durch den Tod von sechs Demonstranten zu einem Überlebenskampf, bei dem Grundstücksenteignung, Vertreibung und willkürliche Festnahme von PassantInnen oder LokalbesucherInnen sowie Ausweisung von ausländischen DemonstrantInnen drastisch zunehmen. Bürgergruppen kritisierten, dass die Biennale selbst mit eine Ursache für die augenblickliche Problematik sei. Protestaktionen, Anzeigen und Gerichtsdrohungen gegen die Kuratorin gingen sogar soweit, dass eine Absage der Biennale in Erwägung gezogen wurde. Geplant waren 14 Projekte im öffentlichen Raum, unter anderem im Gezi Park, am Taksim-Platz, auf dem Tarlabasi-Boulevard, in Karaköy und auf der Galata-Brücke, also an Orten, die im starken Zusammenhang mit der Protestkultur Istanbuls stehen. Der Titel „Mom, am I barbarian?“, der einem Buchtitel der Autorin Lale Müldür entlehnt ist, wurde von den realen Ereignissen eingeholt. Als Argument für den Rückzug der geplanten künstlerischen Vorhaben führt Erdemci die Weigerung an, mit Autoritäten zu kollaborieren, die friedliche Handlungen und Performances von BürgerInnen mit Gewalt auflösen. Infolgedessen beschränken sich die Austragungsorte der Biennale auf die Ausstellungshäuser SALT und ARTER, die sich im Besitz der Koc Foundation befinden, das Andrepo3, eine alte griechische Schule und den Projektraum 5553 der Künstlerin Nancy Atakan in einem brutalistischen Einkaufszentrum, wo ein aktivistischer Workshop stattfindet. Die Lagerhalle Antrepo3 am Bosporus, die in den vergangenen Jahren der Hauptort der Biennale war, ist verkauft und wird heuer letztmals bespielt. Ein Umbau zu einem Luxushotel steht bevor. Als Vorgeschmack auf das künftige Szenario lässt die Künstlerin Ayse Erkmen einen grünen Ball als Anspielung auf eine Abrisskugel gegen die Mauer schlagen. Einige der Projekte von Kunst im öffentlichem Raum werden nach Abbruch des eigentlichen Vorhabens in ihrem Entwurfsstadium gezeigt, wie Tadashi Kawamatas Vorschlagsskizzen von „Plan für ‚Gecekondu’“, die sich auf das osmanische Gewohnheitsrecht und das seit 1966 verankerte Gesetz beziehen, dass über Nacht errichtete „Häuser“ als legalisiert zu betrachten sind. Wie sehr lokale Dringlichkeiten mit den Bedürfnissen einer auf Understatement bedachten Kunstwelt auseinanderdriften, zeigt sich beim Empfang des Sammlerpaares Eczacibasi im Künstler- und Migrantenviertel Beyoglu, wo es in den vergangen Jahren durch die voranschreitende Gentrifizierung auch zu Übergriffen kam. Unternehmer wie die Eczacibasis oder die Koc-Familien zählen zu den etablierten Kunstsammlern des Landes. Die Koc Holding ist der Hauptsponsor der Istanbul Biennale, die in Vorgängerprojekten durch kritische politische Konzepte international punktete. Angesichts der aktuellen Lage stellt sich allerdings die Frage, ob politische Kunst, gesponsert durch das Geld jener, deren Handlungen sie kritisiert, früher oder später zwangsläufig in unauflösbare Widersprüche läuft. In einer Lecture-Performance „Is a Museum a Battlefield ?“ erläutert Hito Steyerl ihre Recherchen zur Produktion eines Kampfstoffes, dem eine mit ihr befreundete PKK-Kämpferin zum Opfer fiel. Unter den aufgezählten Unternehmen befindet sich auch die Koc-Gruppe. Schockierende Wirkung zeigt Halil Altinderes im Februar 2013 gedrehtes Video „Wonderland“ mit Rappern der Gruppe Tahribad-i Isyan. Ihre Häuser im Stadtteil Sukulele, wo seit 600 Jahren Romas wohnen, wurden für Neubausiedlungen zerstört. Im mitreißenden Hip-Hip-Style werden Verfolgungsjagden durch Bauruinen gefilmt und das Attackieren eines Polizisten, dessen Körper in Flammen aufgeht. Pistolenkugeln treffen die Rapper mitten ins Herz, die wie Untote weiter rappen. In Flammen geht auch das Logo der Wohnbauprojektfirma TOKI auf. Die schwedische Künstlerin Annika Eriksson benützt in ihrer Installation performative narrative Strategien. In dem Videoloop „I am the dog that was always here“ (2013) konzentriert sie sich auf Momente der Veränderung in den Randgebieten Istanbuls aus der Sicht eines Straßenhundes. Der Lebensraum des Hundes bewegt sich entlang einer Linie der Gentrifizierung. In ihrem Video „Squeeze“ (2012) setzte die argentinische und in New York lebende Künstlerin Mika Rottenberg die Produktionsmaschinerie globaler Wirtschaftsökonomien in Beziehung zu einer zunehmenden Beengung sozialer Verhältnisse. Wirksam vor Augen geführt werden anlässlich der 13. Istanbul Biennale die verschiedenen Interessensfelder der hier aufeinander treffenden Öffentlichkeiten. Ein internationales Kunstpublikum und dessen Credo von einer Freiheit der Kunst trifft auf ein lokales Kunstgroßereignis, dessen Realisierungsmöglichkeiten wiederum stark von der Sponsorenwilligkeit türkischer Großkonzernen abhängt, die durch ihre Investments mitverantwortlich für die augenblickliche politische Situation sind.
13. Istanbul Biennale
14.09 - 20.10.2013

Istanbul Biennale
Istanbul,
http://14b.iksv.org


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