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Herr, es ist Zeit! Rede zur Eröffnung der Herbstsaison

»Du eröffnest die Herbstsaison« schrieb mir der Herausgeber des artmagazine. Er lieferte mir damit den Grund darüber nachzudenken, mit welchen Worten man die Herbstsaison wohl begleiten müsste, wenn man ihr »Keynote Speaker« wäre. Also dann:

Ich darf zu Beginn betonen, dass ich mich außerordentlich auf die Herbstsaison freue, da sie auf die Sommersaison folgt. Die Zimmer wurden vermietet, die Sponsoren wurden betreut, die SängerInnen wurden ausgebeutet und die Abendessen verkauft. Es ist Zeit das Vergangene hinter uns zu lassen. Um dennoch bildungsbürgerlich mithalten zu können, kommt auch hier ein toter Dichter zu Wort: Rainer Maria Rilke wünscht sich in seinem »Herbsttag« von 1902 nach dem »großen« Sommer, dass der »Herr« seine »Schatten auf die Sonnenuhren« legen möge und er verlangt vom »Allmächtigen«, er möge »auf den Fluren« die Winde loslassen. Er spricht damit all jenen aus der Seele, die sich vom Herbst einen bewegenden und bewegten Kulturbetrieb erwarten, der wieder jenen Erwartungen gerecht wird, die an einen – zum Großteil öffentlich finanzierten – Kunstbetrieb gerichtet werden können. Ein Kunst- und Kulturbetrieb, der – wie die Gemeindeschwimmbäder, die Schulen, die Parks, die Universitäten und die Erstaufnahmezentren – zu dieser Gesellschaft und mitten in diese Gesellschaft gehört. Ein Kunst- und Kulturbetrieb, der sich somit bewusst ist, dass es seine eigene Verantwortung gegenüber dieser Gesellschaft ist, die höchste Qualität mit großer Hingabe und Offenheit zu gewährleisten und sich dabei an den großen Fragen unserer Gegenwart zu orientieren.

Und unsere Gegenwart ist nicht die Gegenwart von pseudo-glamourösen Abschlussbällen in öffentlich finanzierten Infrastrukturen. Unsere Gegenwart ist die fragile Existenz in Zeiten globaler Neuausrichtungen, begleitet von ökonomischen Zumutungen, sozialem Druck und politischem Unverständnis. Unsere Gegenwart ereignet sich prekär, (oft erzwungenermaßen) mobil, mehrsprachig, multi-national und komplex. In unserer Gegenwart geht es nicht um die serielle Wiederbelebung fragwürdiger barocker Heldenepen sondern um das heutige Leben auf den Plätzen von Wien, Athen, Kairo, Istanbul und Islamabad, von dem wir zwar in Echtzeit unterrichtet werden, zu dem unsere öffentlichen Kunst- und Kultureinrichtungen jedoch in bemerkenswerter Weise schweigen. Und in dieser Gegenwart geht es mittlerweile weltweit um neue Querbeziehungen zwischen den Sphären der Kunst, der Bildung, des Sozialen und des Politischen, und somit auch um die Frage, wie sich denn Institutionen tradierter Kultur mit ihren ererbten Privilegien in diese Querbeziehungen einbringen könnten? Wohlgemerkt als Teil eines innovativen künstlerisch-kulturellen Feldes und nicht als dessen vermeintliche »Totengräber«.

Ich wünsche mir eine Herbstsaison, der man ansieht, dass sie in dieser Gegenwart stattfindet. Mit Programmen und verantwortlichen AkteurInnen, die dazu beitragen, in öffentlich finanzierten Räumen auch Öffentlichkeit(en) herzustellen, ohne die diese Gegenwart nicht verhandelbar ist. Mit Programmen und verantwortlichen AkteurInnen, die sich bewusst sind, dass ihre Arbeit nicht darin besteht, einem durch »Zeitfenster« optimierten »Besucherstrom« zu erzeugen, dem man zu Beginn einen Audioguide vermietet, zur Halbzeit einen Snack verkauft, und dem man am Ende im Shop diejenigen Informationen anbietet, die ihm bis dahin vorenthalten wurden. Mit Programmen und verantwortlichen AkteurInnen die »ihre« Orte als öffentlichen Raum verstehen und realisieren, dass »ihre« prestigeträchtigen Immobilien auch noch für andere Herbergsuchende geöffnet werden könnten, als für jene betuchten Gesellschaften, denen etwa der Raum in der Wiener Hofburg, der direkt hinter jenem Balkon liegt, von dem Adolf Hitler 1938 den »Anschluss« verkündete, folgendermaßen zur Miete angeboten wird: »Das Jagdplateau bietet den geschmackvollen Rahmen für festliche Hochzeitsdinner, Galaempfänge, Stehcocktails oder auch Konzerte. Kerzenlicht und stilvolle Dekoration versetzen Ihre Gäste in die kaiserliche Zeit zurück!»

Neben diesen selbstverständlichen »Zivilisierungen« von Institutionen mit dem Hang zu neofeudalem Glamour, wünsche ich mir zugleich eine komplexe und geistig herausfordernde Herbstsaison, die sich als Antipode zu jenen Kräften versteht, die mit Parolen gegen eine eingebildete »Abgehobenheit« und »Kopflastigkeit« nur mühsam die eigene Antiintellektualität verschleiern. Wer glaubt aus diesem, meinem Wunsch nach Reflexion einen Gegensatz zu den Hoffnungen auf Öffnung des institutionellen Systems herauslesen zu können, hat die Kunst- und Kulturgeschichte des 20. Jahrhunderts nicht verstanden. Viele der wichtigsten Werke der Gegenwartskunst verdanken ihre Wirkung gerade jener Zugänglichkeit, die nur mit intellektueller Anstrengung, formaler Souveränität und konzeptioneller Klarheit zu erreichen ist. Es ist unsere Aufgabe, diese Qualitäten als »spannend« zu vermitteln, und zugleich darzustellen, wie eminent ethisch diese Eigenschaften im Gegensatz zum autoritären Überwältigungstaumel sein können.

Mit der Ethik schließt sich der Kreis dieser kurzen Rede und wir landen wieder im Rilkeschen Herbst: Bekanntermaßen wird derjenige, der »jetzt kein Haus hat« sich keines mehr bauen, und wer »jetzt allein ist, wird es lange bleiben«. Doch der Alleingebliebene wird auch »wachen, lesen, lange Briefe schreiben und in den Alleen hin und her unruhig wandern, wenn die Blätter treiben«.

Immerhin befriedigende, herbstliche Tätigkeiten, auf die man sich ebenso freuen kann, wie auf eine Herbstsaison, die mit einem Brief der Secession (1) begann, der jenen gewidmet ist, die jetzt kein Haus haben, und bei dessen Mitunterzeichnung Sie nicht alleine bleiben. Mit dem Hinweis darauf erkläre ich die Herbstsaison mit großer Freude für eröffnet.

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Anm. d. Red.: Siehe auch Rainer Metzgers Blog Offener Brief

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