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Offener Brief

Gerade sitze ich in einem kleinen Ort in Niederbayern. Seit einigen Monaten haben sie hier knapp 200 Asylbewerber zusammengepfercht. Die Bevölkerungsstruktur wäre gehörig durcheinander gebracht, hätten sich die Leute in meinem Heimatort, und darauf bin ich durchaus etwas stolz, nicht zusammengetan, dem Problem zu begegnen, und zwar gemeinsam mit denen, die man ihnen abrupt ins Gemeinwesen gesetzt hat. Die abrupte Aufpfropfung mit Menschen aus den diversesten Fremdheiten ist nichts anderes als politischer Wille: Es soll das Resentiment geschürt werden, eine Ahnung von Xenophobie, die sich herum sprechen soll, damit die Aspiranten es nur anderswo versuchen mit ihren Pursuits of Happiness. Was eine solche Politik bringt, sieht man ja gerade in Berlin, das zwar einiges größer ist als mein Heimatort, aber dafür auch unverdrossener extremistisch. Michel Foucault, um kein aufgedonnertes Wort verlegen, hat das einst Biopolitik genannt. In der Tat wird hier mit dem bloßen Leben agiert, es wird zum Medium des Gesellschaftlichen, und weil ihnen nichts anderes übrig bleibt, schlagen die Asylbewerber mit dem eigenen Leib zurück. Der Körper wird zum Aktionsfeld, bevorzugt traktiert vom Hungerstreik. Die Evidenz der geschundenen Knochen soll einstehen für die Gefährdung, die man glaubhaft machen muss, um nichts anderes zu dürfen als zu bleiben. Man setzt, mit einem Begriff von Giorgio Agamben, das „nackte Leben“ ein, la nuda vita, um darauf hinzuweisen, dass es Herkunftsländer gibt, in denen die Beseitigung eines menschlichen Daseins nicht als Mord gilt. Seit langem sind Foucault und Agamben wichtige Stichwortgeber für die Diskurse des Kunstbetriebs. So mag es nicht weiter verwundern, dass die Wiener Secession jetzt in einem offenen Brief „Stellung zur öffentlichen Diskussion um Abschiebung“ bezieht: „Von der österreichischen Regierung fordern wir“, so lautet der Kernsatz, „ein sofortiges Bleiberecht für die Asylbewerber“, wie sie im Wiener Servitenkloster Zuflucht gesucht haben. Unterzeichnet ist der Brief von sehr vielen Mitgliedern der Secession – künstlerischen wie korrespondierenden. Solidarisch erklären können sich alle unter www.secession.at/gegen_abschiebung/index.php. Im Jahr 2000 gab es, unter dem treffend metaphorischen Titel „offener Brief“, ein Fassadenprojekt des Hauses gegen die soeben installierte Bundesregierung der Schwarz-Blauen. Diverse Male wurde Öffentlichkeit hergestellt, wenn es um Belange des Kunstbetriebs ging, so 2005 eine Kampagne zur Weiterbeschäftigung von Edelbert Köb als Direktor des Mumok. Ich habe den offenen Brief der Secession damals unterschrieben, auch wenn ich solche öffentlichen Kundgaben von Einverständnis scheue, entweder weil die Sache nicht die meine ist oder weil sie so selbstverständlich ist, dass ich sie nicht noch mit meinem Ego aufladen muss (siehe dazu meinen artmagazine-Beitrag „Causa Köb“) Obwohl die Sache durchaus die meine ist, unterschriebe ich diesmal nicht. Ich kann nachvollziehen, wie es dazu gekommen ist, dass Kunst in ihrer Unermüdlichkeit des Appropiierens und Sich-zu-eigen-Machens sich einen Status der Allzuständigkeit erworben hat. Längst funktioniert Kunst ubiquitär. Ob ich diese Ubiquität teile, ist eine ganz andere Sache, im Gegenteil, ein wenig mehr Spezialisten- und entsprechend weniger Generalistentum würde ich durchaus begrüßen. Zum ersten Mal hat die Secession sich jetzt in einer Sache zu Wort gemeldet, in der es ausschließlich im generellen und überhaupt nicht im speziellen Sinn um Kunst geht. Eine gewichtige Fraktion in der Vorstandschaft hat sich dafür stark gemacht. Ich gehöre in diesem Fall zur Opposition.

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