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Ameisen

Vor einigen Wochen verkündete der Wiener „Standard“ diverse Änderungen im redaktionellen Statut. Die Bereiche Online und Print würden zusammengelegt, und vor allem werde ein neuer Bereich geschaffen, der sich „User Generated Content“ nennt. Man verfüge über eine „hoch aktive Community“, und die wolle man zur einer erweiterten „Usereinbindung“ heranziehen. Tatsächlich sind die Schwachsinnigkeiten, die die Poster-Gemeinde auf dem Forum des „Standard“ täglich verzapft, hoch aktiv, doch fragt man sich schon, welche Form von Seriosität da in Anspruch genommen werden soll. Die Redaktion kann doch nicht ernsthaft der Meinung sein, dass das, was die User da generieren, jenseits von Wichtigtuerei irgendeinen Sinn haben soll.

Nun hat der Siegener Literaturwissenschaftler Niels Werber ein Buch vorgelegt, das womöglich eine Erklärung liefert. Er hat sich einer seltsamen Komplizenschaft angenommen, die seit mehr als einem Jahrhundert zwischen Entomologie und Soziologie besteht. Die Insekten- und die Gesellschaftskundler bedienen sich eines gemeinsamen Modells, und wie es aussieht, ist die Kollaboration tatsächlich weit mehr als zufällig. Ein bestimmter, historisch wandelbarer, aber eben zwischen den Disziplinen hin und her streifender Begriff von Zusammenleben taucht auf, wenn es darum geht, das Gewusel von Insekten und das von Menschen in seiner Logik und Sinnfälligkeit zu erhellen. Natürlich bleibt der Ameisenhaufen sich selbst stets ähnlicher als die Organisation von Städten und der Aufbau von Techniken, aber Medialität, Kommunikation und die Idee einer unmittelbaren Vermittlung sind Wirbellosen und Wirbeltieren gemein. Werber, der die Systemtheorie in die deutsche Philologie getragen hat, weiß, wovon er spricht: Auch sein Mentor Niklas Luhmann war in Harvard in Kontakt mit Ameisenhaufen.


Peter Kogler, mumok, 2008

In Flauberts „Bouvard und Pécuchet“streiten sich zwei über die ideale Staatsform. „Die Bienen bestätigen die Monarchie“, ruft der eine, während der andere kontert: „Aber die Ameisen die Republik“. Tatsächlich hat jeder politische Status Quo ein neues Bild von dem Getümmel hervorgebracht, das die sogenannten „staatenbildenden“ Insekten unterhalten. Im Imperialismus waren sie „Sklavenhalter“, der Faschismus Ernst Jüngers sah sie als „Übertiere“, und bei heutigen Occupy-Programmatikern wie Antonio Negri und Michael Hardt gehen sie voran als Verfechter einer „Multitude“.

Wie die Tierchen sich aufeinander abstimmen, weiß man bis heute nicht so genau, und gerade deswegen ist auch der umgekehrte Weg, also die Übertragung ihres Sozialverhaltens auf den Menschen, so attraktiv. Was bei Insekten wohlfeil als Instinkt zu verstehen ist, wurde oftmals beim Menschen mit Telepathie erklärt. Das brachte eine gewisse Unschärfe mit sich, doch seit einiger Zeit gibt es ja ein weitaus plausibleres Medium. Es nennt sich Internet. Das Phantasma einer Kommunikation aus sich selbst heraus feiert die blühendsten Urständ.

Schwarmintelligenz ist das Zauberwort, und hier sind wir wieder beim User Generated Content. Erst in der Menge, so besagt dieses Zauberwort, erweist sich die Triftigkeit des Verhaltens: Das Individuum spielt nicht nur keine Rolle, sondern das Dispensiertsein als Einzelwesen ist eine zentrale Voraussetzung dafür, dass das Ganze so hervorragend in der Balance ist. Oder, wie Werber den Myrmekologen, also Ameisenforscher Kevin Kelly zitiert: „Das Verfahren eines Ameisenvolkes zur Auswahl eines neuen Bauplatzes für ein Nest“ sei „eine Wahlversammlung von Idioten für Idioten und mit Idioten, die aber gerade deshalb phantastisch funktioniere“. Das ist dann wohl auch das Geheimnis der Internet-Foren.

Niels Werber, Ameisengesellschaften. Eine Faszinationsgeschichte, Frankfurt: Fischer 2013

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