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Annäherungen in der Krise

Roland Groß, 28.06.13

Die Photoespaña – PHE 2013

Madrid im Juni. Die Pfingstrosen verblühen ihre letzte Pracht im Real Jardín Botánico von Madrid, einem gartenarchitektonischen Kleinod aus dem späten 18. Jahrhundert, gelegen im Schatten des Prado. Zwischen den Blüten indes viel freies Erdreich, das war alles schon mal üppiger bepflanzt. Zudem hat sich der kühle Schatten in diesem Jahr auch auf iberisches Terrain meteorologisch länger gelegt als sonst – der arbeitsmarktpolitische Schatten auf Spanien, eher ein Dauerzustand.

Und so erscheint zur 2013er Eröffnung der PHOTOESPANA (PHE) auch das kulturoffizielle Madrid der stolzen Metropole, seit Jahrhunderten gesteckt voll mit architektonischer Großmannssucht und steinerner Repräsentation, im pittoresken Zentralgebäude des Gartens eher juvenil lässig und vor allem mit Understatement: die Haare etwas länger, der Anzug etwas knittriger, der Dreitagebart etwas gewagter als in Hochkonjunktur-Zeiten. Bloß nicht abgrenzen in der Krise, Hauptsache näher am jungen Publikum, von dem 59 Prozent in Spanien arbeitslos ist. Denn hier liegt das Zielgruppen-Rückgrat einer jeden PHE seit 1998 – Krise hin oder her – eines Fotofestivals, das auch in diesem Jahr beeindruckt mit über 30 sorgsam kuratierten Ausstellungen und rund 40 begleitenden Aktivitäten und Ereignissen („Festival Off“, mit einer besonders aktiven Madrider Galerienszene) zum technischen Medium der ebenso grafischen wie digitalen Kunst namens Fotografie. Das Thema des Festivals lautet dieses Jahr Körper, Eros und Politik“ – ein gleichsam Multikulti-Thema, tauglich für jedes Wetter, grenzenlos interpretierbar und umsetzbar. Und über 300 FotografInnen aus rund 40 Ländern halten sich mehr oder minder daran. Dazu gibt es Ableger auf Lanzerote, in Cuenca und Zaragoza.

Übrigens wir reden bei der PHE von der spanischen Kulturveranstaltung mit den meisten Besuchern – 600 000 sind es fast immer, 2011 waren es gar 800 000 in gut zwei Monaten. 2012 und erst recht 2013 erheblich geringere Präsenz im Stadtbild: weniger Plakate, Hinweise und gelbe Banner mit dem markanten schwarzen PHOTOESPANA-Schriftzug als in früheren Jahren. Und auch die Empfänge und Repräsentanten aus dem Sponsorenumfeld der Banken und Industrieunternehmen, vor allem der in Madrid zahllosen Stiftungen machen sich heuer eher rar im wirtschaftlichen Reizklima. Dennoch hat man auch 2013 mit deutlich gedrosselten Mitteln eine couragierte und engagierte PHE hingelegt. Wobei die fotothematischen Haupt- und Staatsaktionen fraglos fehlen, was angesichts des musealen und räumlichen Potenzials von Madrid und mit Blick auf die gewaltigen Ausstellungsvorhaben des ersten PHE-Jahrzehnts, besonders augenfällig wird. Dennoch ist die Bandbreite beeindruckend und liefert immer noch viele fotografische Gründe, bis Ende Juli nach Madrid zu kommen.

Der Kubaner Gerardo Mosquera, der nach PHE-Reglement gerade zum dritten und damit letzten Mal die künstlerische Leitung der inzwischen 16. Photoespana verantwortet, erinnert im Interview an die Anfänge. Letztlich hatte dies immer noch zu tun mit den Nachwehen eines neuen Spaniens und einer inzwischen nach, bzw. nicht mehr durch Franco geprägten und global aufgewachsenen Generation, die von Kunst und Design bis Architektur und Städtebau sehr viel auf den Weg gebracht hat. Das Kulturministerium, die Stadt und Region Madrid saßen damals umfänglich im Boot – und die Zeiten waren besser. Inzwischen sind diese öffentlichen Quellen nahezu ganz versiegt. Einige thematisch eingebundene Länder, Botschaften, zahlreiche private Stiftungen, Sponsoren aus Industrie und Wirtschaft ermöglichen inzwischen einen zwar kleineren, aber immer noch begehbaren Fleckerlteppich: Und wir sprechen immer noch vom „weltweit wohl größten Fotofestival“, so Mosquera. Nicht zu vergessen die eingebundenen Bildungsprogramme, Workshops, Portfolio-Reviews – auch das breite Publikum wird umfassend angesprochen und erscheint massenhaft.

Das tschechische Institut in Madrid finanziert etwa eine hochkarätige Ausstellung zu dem Modernisten Frantisek Drtikol (aus fünf tschechischen Kollektionen stammend) in der altehrwürdigen Königlichen Akademie der Schönen Künste. Mosquera spricht von einer sehr verzweigten und kleinteiligen finanziellen PHE-Konstellation – und nennt natürlich keine Summe. Eine Strategie, die mittlerweile verfolgt wird, werden muss. Wobei Festivalgründer Alberto Anaut, ehemals Leiter der Bildredaktion von „El Pais“, die EU als den immer noch „größten PHE-Sponsor“ bezeichnet. Der spanische Telekommunikationsriese Telefonica, der nicht zuletzt ganz Lateinamerika telefonisch dominiert, hat etwa die Iranerin Shirin Neshat eingeladen in seine Espacio Fundacion: ein Highlight, wenn auch nicht gerade tauglich für neue fotografische Perspektiven.

Die Ausstellung zur offiziellen Eröffnung der diesjährigen PHE belegt den spanisch favorisierten Blick auf und durch die Fotografie. Denn nicht nur die klassischen Fotofestivals (Arles, Houston), auch der fotohistorische mainstream ist seit jeher eindeutig amerikanisch, französisch, britisch dominiert: auch dies bildete einen Gründungsschub für die PHE im Jahre 1998. Auch dies beflügelt allerdings selbst in Krisenzeiten immer noch die andererseits betont internationale Frische der PHE etwa im Vergleich zu den seit 1969 in die Jahre gekommenen Photo- „Rencontres d’Arles“, deren Ausstellungspolitik zunehmend unter dem Dirigat der Fotoagentur Magnum steht.
Die PHE-Eröffnungsausstellung greift in die hauseigene Kollektion der Sammlung des „Centro de Arte de Alcobendas“, wo man die spanische Fotografie seit den 1950er Jahren zusammenträgt – und das, nennen wir es Bunuel-Klima der iberischen Fotografie offenbart: ebenso karg, verkarstet skelettiert der pure Reportagejournalismus, ebenso bizarr, skurril und immer wieder surreal die Bild-Inszenierungen und Weltsicht des fotografischen Auges. Benito Roman, der seit den 1970er Jahren fotojournalistisch arbeitet, repräsentiert dieses fotografische Klima etwa mit seiner Serie „Torero Bufo“:
eine skurrile Linie der Stierkampf-Tradition für Kleinwüchsige, entsprechend inbegriffen gezüchtete Kampf-Stierchen. Die Alcobendas-Schule für Fotografie, die jährlich nur 70 Bewerber aus vielen hundert Aspiranten auszuwählen hat, ragt am Madrider Stadtrand wie ein artifizieller architektonischer Schönling aus einem Arbeiterviertel, in dem die Menschen seit dem Immobiliendesaster eng zusammen gerückt sind.

Organisiert ist PHOTOESPANA inzwischen unter dem Dach von „La Fabrica“ (lafabrica.com), eine viergliedrige Konstruktion, die einem zunächst „spanisch“ vorkommen mag: ein Foto-Verlag, der Bücher und Zeitschriften verlegt, das Photoespana-Organisationsbüro, eine Foto-Galerie und die Mitträgerschaft an der Alcobendas-Schule. Die Finanzierung erfolgt primär über Sponsoren, geringfügig durch die Stadt Madrid, den Erträgen aus dem Verlag aber auch durch die Konzeption und den „Verkauf“, bzw. durch das Leihgaben-Geschäft via Ausstellungen: unlängst war Margaret Bourke-White in München zu sehen.

Zufällige Begegnung mit dem renommierten Münchner Photopublizisten Michael Koetzle, der selber schon für die Photoespana kuratiert hat. Derzeit entwickelt er eine unfangreiche Ausstellung plus Katalog (2014 für Kölns Museum für Angewandte Kunst) zu dem druckgrafischen Gestaltungspionier Willy Fleckhaus, der die Zeitschrift „twen“ Ende der 1960er Jahren zu Legende machte und das Regenbogen-Outfit der edition suhrkamp ersann. Daneben entsteht ein opus magnum zu 100 Jahre Leica-Fotografie. Als langjähriger Besucher und Teilnehmer der PHE spricht Koetzle vom „Generalbass der spanisch-portugiesischen und lateinamerikanischen Fotografie, der sich als roter Faden durch alle Jahrgänge“ ziehe.

In diesem Jahr sind junge lateinamerikanische Fotografen im ungemein reizvoll morbiden Ambiente einer ehemaligen Tabakfabrik zu sehen – art spaces, wie sie Madrid zuhauf bietet. Fabian Hernandez aus Costa Rica inszeniert hier etwa gespenstische Porträt-Großformate, die grelle Irritation schaffen angesichts ehemaliger Militärs und Polizisten im vollen Ornat – düsterer Identitätshorror. Oder Irama Gomez, deren Altersstudie über ein greises Ehepaar in Körperdetails aus porösem Schwarzweiß eine Lebenslandschaft im späten Licht entstehen lässt. Der wohl nicht minder alte schlafende Hund zwischen den Füßen der beiden Alten gerät zum Geheimnis und Symbol dieses sehr langen Paarlaufs.

Zurück ins zentral gelegene Circulo de Bellas Artes. Der Mexikaner Fernando Brito bannt den Tod Ermordeter im Umfeld weiter, friedlicher Landschaften seiner Heimat. Die bekannte Problematik der Banden- und Drogenkriminalität kippt in eine absurd-grausige Idylle. Brito im Gespräch: „Familien machen inzwischen Sonntagsausflüge zu derartigen Ereignisfeldern. Die Grenzen zwischen gut und böse sind längst aufgelöst. Mexiko, ein Land ohne jedes Wertesystem, denn diese Bilder sind nicht ungewöhnlich. Ich bin kein Künstler, ich bin ein Bürger mit einem Problem“.

Nach Umfang und Gehalt zählen eine Ausstellung mit Werken aus der Wiener „Sammlung Verbund“ des gleichnamigen österreichischen Energie-Unternehmens und eine Retrospektive auf den amerikanischen Fotografen Emmet Gowin zu den Höhepunkten der PHE 2013. Die Verbund-Kuratorin Gabriele Schor hat eine kluge und kurzweilige Auswahl aus Bildserien von 21 Fotografinnen unter dem Thema „Feministische Avantgarde-Fotografie der siebziger Jahre“ zusammengefügt. Die Sammlung verfügt über 600 Arbeiten von rund 60 KünstlerInnen seit 1970, bei einem jährlichen Ankaufsetat von 500.000,-€.
In der Ausstellung eben nicht nur Valie Export, die noch ganz junge Cindy Sherman oder Esther Ferrer, sondern auch (immer noch) Entdeckungen wie Birgit Jürgenssen oder Renate Bertlmann, deren „Zärtliche Begegnungen“ zwei Kondom-Nippel in innigen Reibungskontakt treten lassen. Auch dies interessant: Die Amerikanerin Martha Wilson startete 1974 noch vor Sherman mit Selbstinszenierungen. Almodovars cineastische Frauen-Erkundungen hin oder her – selbst für Spanien sind diese oft surrealen Bildgefüge aus Poesie und Provokation eine überaus passende Entdeckung.

Der 1941 geborene Amerikaner Emmet Gowin zeigt in der Fundacíon Mapfre seinen Weg einer fotografischen Erkundung: vom Familienalbum, über die mysteriösen Rollen-Inszenierungen seiner Frau Edith (1970) durch die Fischaugenlinse, eine Art ikonografische Achse des Frühwerks, hin zur beseelten Landschaftsfotografie, deren gleißender Realismus immer wieder die gleichsam andere Seite aufbricht.
Gowin war übrigens Schüler von Harry Callahan, der wiederum in einer anderen Ausstellung mit einer anderen amerikanischen Foto-Gottheit in aktfotografischem Dialog steht: mit Edward Weston. Das anmutige weiche Arrangement der Körperformen und Körperdünen (Weston) trifft bei Callahan auf die modernen Objektabstraktionen des weiblichen Körpers, etwa durch Überblendungen.

Die beiden Spanier Alberto Garcia-Alix und Ramón Masats sollen am Ende nicht unerwähnt bleiben, da ihr Reportageauge einfach nicht aus dem Kopf gehen will (mal ein bisschen googlen, geneigte UserInnen !). Aber wie bekommt man die PHOTOESPANA schon in den Griff, geschweige denn in den Kopf..... Stärker in den nicht nur fotoästhetischen Fokus Europas gerückt werden sollte Madrids PHE allemal!

(bis Ende Juli, etliche Ausstellungen auch bis Ende August und in den September)

www.phe.es

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