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Glitch - Unser Schreibzeug arbeitet mit an unseren Gedanken: Fat finger im Computersystem

Heute wissen wir, dass der „Flash Crash“ vom 6. Mai 2010, der auf den internationalen Börsen riesige Kursschwankungen zur Folge hatte, nicht die Konsequenz eines „fat finger incident“ – also menschlichen Versagens – war, sondern durch computergenerierte „rogue algorithms“ ausgelöst wurde. Die Frage, wie sehr Werkzeuge Einfluss auf die künstlerische Produktion haben, hat bereits den auf seiner Schreibmaschine tippenden Nietzsche beschäftigt, dem Medien.Kunst.Tirol das Zitat „Unser Schreibzeug arbeitet mit an unseren Gedanken“ für deren Ausstellung im Kunstraum Innsbruck entlehnt hat, deren Übertitel „Glitch“ lautet. Ein Wort, das jene technischen Störimpulse meint, die sich in verschwommenen, pixeligen oder verschobenen medialen Bildern manifestieren.

Während diese die Pioniere der Medienkunst in den 60er- und 70er-Jahren zum Stilmittel per se machten, setzt sich ihre Enkelgeneration mit dem „social glitch“ (Gerald Nestler) auseinander. Was komplett unterschiedlich daherkommen kann, wie die Arbeiten der sieben Künstlerinnen und Künstler zeigen, die den Kunstraum derzeit mit ihren teilweise monumentalen flimmernden und flirrenden Installationen in Beschlag nehmen.

Wenn auch die Welt der Börsen die meisten der Künstler angesichts ihrer wirtschaftlichen Situation kaum selbst betreffen wird, kann es nicht schaden, sich in ihr auszukennen. Was bei Gerald Nestler der Fall ist, der einige Jahre lang als Broker und Trader gearbeitet hat, um seine Erfahrungen etwa in der multimedialen Assemblage „Carrier Hotel“ auf den Punkt zu bringen. In einem symbolischen Hotelzimmer, in dem es um Daten, Algorithmen, Derivate, Verträge, Spekulation und Vertrauen geht.

Beruhigend erscheint daneben fast Axel Stockburgers plakativ die Schuld am fatalen „Glitch“ auf sich nehmender „Fat Finger“. Sylvia Eckermann konstruiert in ihrer aus 5000 Metern Nylondraht geknüpften Arbeit „Crystal Math“ dagegen die Welt der von Algorithmen bestimmten Finanzmärkte als gefährlich flirrende Falle. Über den Dingen scheint Thomas Feuerstein zu stehen. Er hat in den Kunstraum einen schönen alten Flipper gestellt, dessen Kugel auf dem Weg zur paradiesischen Sweeternity allerdings mit philosophisch trickreichen Fallen gepflastert ist.

Um visuelle Codes und die Unterwanderung und Neu-Konfiguration normativer Körper(bild)produktionen geht es in Christina Goestls Transformationen menschlicher Körper. Für Peter Szely werden die durch verschiedene Glitch-Effekte verfremdeten realen Geräusche der Innsbrucker Maria-Theresien-Straße zur Fundgrube künstlerischer Praxis. Was hier spielerisch reizvoll daherkommt, hat bei Lawrence Abu Hamdans Projekt „Aural Contract: The Freedom of Speech Itself“ einen ganz konkreten Hintergrund. Nämlich die unter anderem in Großbritannien praktizierte Methode, durch die wissenschaftliche Analyse des Akzents von Asylwerbern deren Angaben bezüglich ihrer Herkunft auf ihre Richtigkeit zu überprüfen.
Glitch - Unser Schreibzeug arbeitet mit an unseren Gedanken
18.05 - 29.06.2013

Kunstraum Innsbruck
6020 Innsbruck, Maria-Theresien Strasse 34
Tel: +43 512 58 4000, Fax: +43 512 58 4000-15
Email: office@kunstraum-innsbruck.at
http://www.kunstraum-innsbruck.at
Öffnungszeiten: Di-Fr 14-18.00, Sa 11-16 h


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