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1. März

Zu Oskar Kokoschkas 90. Geburtstag am 1. März 1976 hielt die einschlägigste der Lobreden, die es zu diesem Anlass gab, der deutsche Schriftsteller Siegfried Lenz. Schon das Hauptwerk von Lenz, seine 1973 erschienene „Deutschstunde“, hatte einen bildenden Künstler zur Hauptfigur. Kaum verhüllt zeigt sich hinter der Person des Malers Max Ludwig Nansen, der mit den Nationalsozialisten paktiert, um schließlich doch von ihnen kaltgestellt und mit Arbeitsverbot belegt zu werden, die hieratische Gestalt Emil Noldes, des Expressionisten und Einzelgängers, der einen langen Lebensabend an der Nordsee verbrachte. Nansen, wie Lenz ihn in den Worten seines Ich-Erzählers Jepsen schildert und Nolde mitmeint, wird in seiner Enklave von einem englischen Militär besucht. So kommt es zu folgender Szene: „Er, der General, wollte da gerne wissen, ob nicht eine Metropole wichtig sei für die Arbeit, und der Maler darauf, nie werde ich es vergessen: Die Hauptstädte, die wir brauchen, liegen in uns selbst. Meine Metropole liegt hier.“


Oskar Kokoschka, Selbstbildnis als "entarteter" Künstler, 1937
© VBK, Wien 2013 Foto: Wien, Böhlau Verlag


Kaum zu bestreiten, dass auch Oskar Kokoschkas Metropole in ihm selber liegt. Und doch hat er sie alle absolviert, die Hauptstädte seines Jahrhunderts, das das internationalste von allen war und zugleich das bornierteste. Kokoschka hat das Wien um 1900 erlebt, das Berlin um 1910, das Paris der 20er, das Prag der 30er, das London der 40er, und er war so selbstverständlich im New York der 50er wie im Jerusalem der 70er. Kokoschkas Künstlerschaft kennt auch andere, vielleicht nicht metropolitane, aber genauso zentrale Orte der Moderne: Sie ließ sich bis ins Mark erschüttern auf dem Schlachtfeld, sich elegant treiben in Grand Hotels und sich einkerkern in die Schmach der „Entarteten Kunst“; diese Künstlerschaft verlor sich in der Erfahrung der Vertriebenwerdens und des Darbens im Exil; in späten Jahren schließlich hing dieses Leben wie bei so vielen der Kämpfer der Avantgarde an der Nabelschnur eines Schweizer Idylls.

Kokoschkas Vita ist ein Itinerar der Moderne insgesamt. Seine Stationen sind Topoi im doppelten Sinn, sie sind, wie das griechisches Wort es besagt, Orte, aber sie sind auch notorische Konstruktionen, einschlägige Punkte, aus denen längst fixe Ideen geworden sind. Bei allem singulären Artistentum ist Kokoschka eine exemplarische Gestalt, der Zeitgenosse par excellence, der Kronzeuge des Jahrhunderts, seiner Wirren und seiner Beharrlichkeit.

Am 1. März, so sind der Herausgeber des artmagazine und ich übereingekommen, steige ich wieder ein in den Blog, den wir 2009/2010 für genau ein Jahr an dieser Stelle betrieben haben. Er heißt jetzt anders, heutzutage, da noch eklatanter als damals sich schier jeder einen leistet, muss der Name herhalten. Darüberhinaus ist geplant, dass er so ähnlich wird wie seinerzeit. Der Österreich-Bezug indes soll geringer sein. Oskar Kokoschka, dem dieser erste Beitrag anlässlich seines Geburtstags galt, mag dafür als Bezugsfigur dienen, der Wiener, der ein Weltbürger wurde. Nun denn.

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