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Zimtig und diskret: Dezember im Museum

Wenn sogar die Künstlergruppe Gelatin pünktlich zum Dezemberbeginn darauf hinweist, dass ihr erstes Kinderbuch erschienen ist, liegt es Nahe, die Angebote von Wiener Kulturinstitutionen auf saisonale Angebote durchzukämmen. Da der persönlichen Besuch derzeit durch die vorgelagerten Punschstände etwas erschwert wird, zogen sich die causeries auf der Suche nach dem Saisonalen auf die Onlinepräsenzen der Bundesmuseen zurück. Es sei vorausgeschickt, dass dabei nicht die Suche nach dem Geschenk im Vordergrund stand, sondern die Hypothese, dass die zunehmende Vermarktungsorientierung von Kulturinstitutionen in der handelsintensivsten Zeit des Jahres wohl besonders augenfällig werden könnte.

Es war daher nicht nur dem Alphabet geschuldet, dass wir bei der Albertina begannen, jenem Bundesmuseum, dessen Vermarktungsambition sogar die Schilder am eigenen Haus umfasst, die man bisweilen gerne mit dem Zusatz «Sammlung Batliner» versieht, obwohl dies nicht Teil des offiziellen Namens ist. Wer sich jedoch bombastische X-Mas Specials oder aggressives Jahreszeitmarketing erwartet hätte, wird etwas enttäuscht sein, da die Webpräsenz der Albertina, neben dezenten Hinweisen auf «Gutscheine zum Verschenken» und den Informationen zu den Kinderprogrammen unter dem Titel «Advent in der Albertina», keine weiteren Sensationen bereithält, was vielleicht auch daran liegen könnte, dass die Ikone des Hauses, der Dürersche Hase, eher bereits in Richtung Ostern zeigt.

Lässt die Albertina eine Marketingchance liegen, springt zuverlässig das Belvedere ein, eine Vermutung, die zuletzt auch durch das Kurzpassspiel zwischen Maria Fekter, Agnes Husslein und Claudia Schmied genährt wurde. (1) Nachdem sich das Belvedere im letzten Jahr seiner Expositur im Augarten entledigt hatte, indem es diesen Ball an Francesca von Habsburg weiterspielte, übernimmt es nun offensichtlich Räume des ehemaligen Finanzministeriums im Stadtpalais des Prinz Eugen zur Bespielung als «Barockmuseum». Laut Standard erfolgte dies «nach Anfrage des Kabinetts der Finanzministerin» bei Agnes Husslein mit dem «Okay» der Kulturministerin. Nun: TBA 21 macht ihre Sache im Augarten bisher sehr gut und auch für die Prunkraumbespielung durch das Belvedere lassen sich Gründe finden, doch sei der bürgerlich-kleinmütige Einwand gewagt, dass freiwerdende bzw. unternutzte öffentliche Räume in transparenteren Konzeptverfahren zur «Bespielung» vergeben werden sollten, als es in diesen beiden Fällen scheinbar der Fall war. Doch zurück zum Dezemberprogramm des Belvedere: Eine volksnahe Kombikarte unter dem Titel «Kunst und Punsch» sorgt für den «Adventzauber», der neben dem künstlerischen «Weihnachtsbaum» (diesmal Eva Grubinger), auch die «Christkindlwerkstatt» für Kinder und «Shopaktionen» für das «perfekte Weihnachtsgeschenk» umfasst.

Der Weg zu den Museen am Maria-Theresien-Platz wird übrigens durch dieselbe Eventagentur blockiert, die auch die Märkte im alten AKH, im Schloss Hof und im Belvedere betreibt. Nicht nur die Skepsis gegen derartige Beinahemonopole lassen unser Interesse für die Frage steigen, ob in den Museumsangeboten zur «Holiday Season» – wie die Jahreszeit in religiös weniger eindimensionalen Kontexten genannt wird – auch nicht-christliche Aspekte eine Rolle spielen. Wem solchermaßen konfessionslose Institutionen am Herzen liegen, mag es gefallen, dass sich tatsächlich zu den Stichworten «Advent», Weihnachten», «Christmas» oder «Punsch» kein einziger Eintrag in der Webpräsenz des Kunsthistorischen Museums finden lässt. Im zeitlichen Kontext fällt jedoch auf, dass das KHM für seine Kampagne mit dem Goldhelm ganzjährig auf eine engelartige Ikonographie setzt, die nicht zufällig mit jenen Wohltätigkeitsassoziationen spielt, die auch das Christkind für sich in Anspruch nimmt.

Auf einen zarten Hauch kritischen Bewusstseins – gepaart mit dem hauseigenen Faible für minimalistische Gestaltung – stößt der Suchende im MUMOK, dessen Vermittlungsabteilung «Jenseits des Weihnachtskitsches [...] die «dunklen Dezembertage mit Lichtobjekten heller werden lässt [...]», die in den Workshops mit dem Titel «Selber machen!» hergestellt werden. Über diesen argumentativen Umweg und die Workshopvorbemerkung, dass «Lichterketten zum Dezember gehören wie die dann allgegenwärtigen Punschstände» wird klar, dass das MUMOK mit der Dan Flavin Ausstellung bereits im Oktober einen groß angelegten Gegenangriff gegen die jetzt allgegenwärtigen Sternchen, Girlanden, Kerzen, Flocken und Wunderkerzen gestartet hat.

Wir fokussieren für diesen Rundgang auf die Bundeskunstmuseen und lassen daher mit dem Technischen Museum und dem Naturhistorischen Museum jene Häuser links liegen, deren Dinosaurier, Lokomotiven, Meteroiten und Flugzeuge bereits Generationen von Kindern die Wartezeit auf die Geschenke verkürzt haben und eilen virtuell ins MAK dessen Shop gegen Ende der Wartezeit atemlos von jenen angesteuert wird, die zuerst geglaubt haben, den Advent mit jener ignoranten Coolness bewältigen zu können, die in Hektik umschlägt, wenn realisiert wird, dass es etwas uncool ist, Geschenke nur anzunehmen und keine zu geben. Am neuen MAK ist ja wohltuend, dass es einen nicht mehr anschreit, wie zu den Zeiten, als mit Sprüchen wie «Wer nicht für die Kunst ist, ist gegen die Kunst» kriegerische George W. Bush Rhetorik bemüht wurde. Doch gerade mit Sympathie für den neuen Kurs ist es erlaubt, kritisch auf die vielen Appelle (u.a.: «Träumen. Nicht Schlafen», «Design ist keine demokratische Sache» «Innovation ist Provokation» «Strategisches Design ist Sache der Geschäftsleitung») hinzuweisen, durch die der Eingang zur Ausstellung «Design für den Wandel» zu einem Creative-Thinking-Exerzierplatz wurde, auf dem Apple die Kommandos gab. Advent- und weihnachtsmäßig bleibt das MAK unauffällig: Eine Kinderwerkstatt an den Samstagen bedient die elterliche Nachfrage nach ungestörtem Shopping und ein schlanker Hinweis auf Bestellfristen im Designshop bleibt der einzige Treffer für die Suchanfrage nach «Weihnachten».

Entgegen der Ausgangshypothese hielt sich der Marketingwahnsinn dann doch in Grenzen. Überall überwiegen jene zimtig-diskreten, «qualitätvollen» Aspekte, mit denen sich Kulturinstitutionen tendenziell gegen die sie umtosenden Kommerzwogen zu wappnen scheinen. Doch ein Punkt bleibt etwas unstimmig: Passend zur Zeit des Gebens und Schenkens rücken Spenden- und Unterstützungsaufrufe auch auf den Webseiten mancher Bundesmuseen in den Vordergrund: Doch im Unterschied zu den oft verpönten Punschhütten werben sie in den Palästen nie für einen karitativen oder sozialen Zweck, sondern immer und ausschließlich nur für sich selbst.

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(1) siehe dazu: Thomas Trenkler «Finanzministerium soll Barockmuseum werden» in Der Standard
und Nina Schedlmayer «Zusatzposten» in der artmagazine Glosse

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