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Nur zu Besuch

Stephan Maier †, 22.08.12

Zur Eröffnung fuhr der phantasievoll gestaltete „Magical Mystery Tour“-Bus vor. Und heraus kamen, halb noch beim Umziehen, die Mitglieder der „Task Force“ von Paweł Althamer. In Windeseile mischte sich dessen ausstellungsbegleitende „Community“ in ihren goldenen Raumfahrer-Overalls unter das andere, nur bedingt bunt gekleidete Kunstvölkchen. Viel machten die Freunde, Nachbarn und Verwandten des Künstlers ja nicht, sie fielen aber auch nie unangenehm animierend auf, und das ist gut so.

Denn der retrospektive Blick in der wunderbar kompakten Ausstellung der Sammlung Goetz wird so in ungebremster Direktheit auf das bildhauerische Werk des polnischen Starkünstlers gelenkt. Zu oft hatten die gruppendynamisch gelenkten Versuche Althamers, einen hoffnungslos verkrusteten Kunstbegriff durch die integrative Geste zu erweitern, das eigentliche Schaffen überschattet. Ob er einen „Zeichner-Kongress“ wie bei der diesjährigen Berlin Biennale organisierte oder Projekte mit Häftlingen oder Heranwachsenden initiierte: Es ging um die Beteiligung gesellschaftlicher Außenseiter und die „spirituelle Wanderung“ des Autors, der bekanntermaßen schon längere Zeit mausetot ist.

Im Aufzeigen der Aggregatzustände des menschlichen Wesens auf der quasi religiösen Suche nach sich selbst, nach dem Anderen und dem ganzen Rest beweist sich jetzt der magisch-psychedelische Charakter der Arbeiten Althamers. Berührend ist ein Selbstporträt als wurmähnlicher Embryo mit dem surreal geschrumpften Kopf des Erwachsenen. Im Rahmen seiner Arbeiten im Familienkreis brilliert das totemistische Terrakotta-Standbild seiner hochschwangeren Frau als Doppelporträt von Mutter und Sohn. Und die Gemeinschaftsarbeit mit polnischen Schülern gipfelt in der realistischen Skulptur eines Obdachlosen, der über die Einbahnstraßen des Lebens zu sinnieren scheint.
In ihrer Dimension und Vielschichtigkeit überragt wird die Schau aber von der völlig abgehobenen Figurengruppe der Bródno People“, die Althamer mit Nachbarn aus eben dieser Warschauer Plattenbausiedlung realisierte. Wie nebenbei sehen sich Rodins „Bürger von Calais“ und ihre Versinnbildlichung ziviler Solidarität in eine unwirklich erscheinende Gegenwart und Gegenwelt katapultiert. Auf der verschiebbaren Plankenkonstruktion zieht der futuristische Narrenzug zwischen „Teletubby“ und Cyborg, Astronaut und Alien als Besuchergruppe von ganz weit weg am Betrachter vorbei. Eine Figur wie Picassos wild assemblierte „Frau mit dem Kinderwagen“ trifft auf den wirr arrangierten Sperrmüllchic des osteuropäischen Alltags.

Andererseits ist das Bild der Kinderwagen-schiebenden Jungmutter aus dem ganz normalen Ghettoalltag in Ost und West bestens vertraut. Randgruppenexistenzen wie Südtirolerplatz-Günther aus der Ausstellung in der Secession wären in diesem Zusammenhang einfach zu jenseitig-außerirdisch gewesen: In München sind selbst die Verkäufer der Obdachlosenzeitung unauffällig, aber auffallend adrett gekleidet.


Tipps

 

Sammlung Goetz
81925 München, Oberföhringer Straße 103
http://www.sammlung-goetz.de




endline

 

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Video zur Althamer-Ottinger-Ausstellung
nikolas winter | 31.05.2012 16:06 | antworten
https://vimeo.com/43067776

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Sammlung Goetz
Paweł Althamer

29.05.2012 bis 06.10.2012

Linie 300
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