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Der Gang ins Museum

Das Gehen in der Stadt hat wirklich schon bessere Zeiten erlebt. In manchen Städten finden sich zwar noch Straßenzüge, die Promenade heißen, aber in diesem Sinne genutzt (Gesicht und Garderobe ausführen, Sehen und Gesehen werden, flanieren, Bekannte treffen und plaudern) werden sie schon länger nicht mehr. Heute braucht man schon einen „sinnvollen“ Grund, um zu Fuß durch die Stadt zu gehen, z.B. man geht Lebensmittel kaufen, bringt seine Kinder zur Schule, oder der Hund muss mal raus. Ich glaube ja, die erstaunliche Hundedichte in Wien hat seinen Grund tatsächlich darin, dass sich viele leidenschaftliche Spaziergänger alleine nicht auf die Straße trauen. So aber haben sie einen Vorwand. Für alle übrigen ist vor allem der Sonntag kritisch. Da haben die Geschäfte geschlossen, die Kinder wollen zuhause bleiben und die einst beliebte Überbrückungsform des Schaufensterbummelns ist ebenfalls aus der Mode gekommen. Wahrscheinlich hat daran das Aufkommen der Shopping Center Schuld, möglicherweise wurde diese spezielle Spaziergangsform aber auch das erste Opfer der zunehmenden Konsumkritik. Fakt ist: Es gibt kaum mehr eingespielte Formen des simplen Gehens in der Stadt. Selbst in den Parks wird ja vornehmlich nur noch gelaufen, gejoggt oder nordic gewalked. Als eine der wenigen guten Möglichkeiten in der Stadt zu gehen, ist der Gang ins Museum geblieben. Denn niemand läuft oder fährt ins Museum. Alle gehen ins Museum. Möglicherweise ist dieser Aspekt eines Museumsbesuchs sogar sein wichtigster. Der Soziologe Lucius Burckhardt, der an der Kunstuniversität Kassel die so genannte Spaziergangswissenschaft begründete, hat das zumindest einst so behauptet. Seine „Promenadologie“ erforscht die (Landschafts- und Welt-)Erfahrungen auf und mit zurückgelegten Wegen. Das Gehen dient dabei sowohl zur Erkundung unserer alltäglichen Lebensumwelt als auch zum Einprägen von neuen Inhalten und Wissen. Dass sich die meisten Dinge durch verbundene Raumeindrücke und körperliche Bewegungen intensiver erfahren und besser merken lassen als durch eine Erzählung, eine Lektüre oder eine stationäre Recherche im Netz, ist seit langem bekannt. Nicht nur in Tempel- und Kirchenanlagen mit ihren Meditationswegen, räumlichen Ausrichtungen und Zonierungen wird dieser Mechanismus seit Jahrtausenden umgesetzt, auch im Museumswesen spielt er eine zentrale Rolle. Die prominenten Beispiele reichen vom Laubengang-System der Uffizien in Florenz (aus diesen galleria entstand das Synonym Galerie für einen Ort für Kunst) bis zur Ikone des modernen Museums schlechthin, Frank Lloyd Wrights New Yorker Guggenheim Museum, das vom Abschreiten der 432 Meter langen Spiralrampe lebt. Speziell für Fußgänger entworfen wurde auch die Neue Staatsgalerie in Stuttgart (1984 eröffnet, Arch. James Stirling), durch die eine pittoreske öffentliche Querung führt. Bei der Fundação de Serralves, 1999 in Porto eröffnet, wurden Museum und Park gleich gänzlich zu einem großen Geh- und Seherlebnis fusioniert. Auch das 2001 eröffnete Wiener Museumsquartier ist ein ausgesprochenes Fußgängerareal. Der Reiz des MQ liegt – neben dem vielfältigen Angebot seiner Institutionen – vor allem im erlebnisreichen Parcours durch seine zahlreichen Passagen, über seine vielen Höfe und Stiegen. Der dabei erlebbare Kontrast aus Altem und Neuem, aus Offensichtlichem und Verborgenem ist einerseits die beste Vorbereitung auf die Herausforderungen, die in den Institutionen auf jene warten, die ins Museum gehen. Andererseits ist aber auch der Gang zum und durch das Museum schon eine Erfahrung und ein Medium für sich. Es ist erstaunlich, wie sich im aufmerksamen Gehen – also ohne Absorption durch iPhone oder iPod – in einem verdichteten Ensemble immer wieder neue Wege, Aussichten und Räume öffnen. Und mit den Perspektiven wandeln sich auch die Erwartungen und Erinnerungen. Lucius Burckhardt beschrieb diesen Effekt einst wie folgt: „Der klassische Spaziergänger verlässt die Stadt, durchquert die Vorstädte, eine landwirtschaftliche Zone, traversiert einen Wald, überquert eine Brücke, steigt auf eine Anhöhe und geht auf einem Umweg durch ein tiefes Tal in die Stadt zurück. Dort erzählt er, je nachdem von wo er ausgegangen ist: So ist der Jura, so sind die Vogesen, der Wienerwald, die Wetterau. Und was er beschreibt, ist nicht ein existierender Ort, den er gesehen hat, sondern eine Synthese aus den Sequenzen von Hügel, Tal, Wald, Landwirtschaft. Der Spaziergang ist also eine Kette, eine Perlenschnur mit ausdrucksstärkeren und dann wieder ausdrucksschwächeren, immer aber wirksamen Passagen, die unsere Wahrnehmung synthetisiert. Ähnlich nun ist der Spaziergang durch die Stadt. Die Erinnerung „So ist Paris“ beschreibt nicht den Eiffelturm, sondern besteht aus einer Synthese der durcheilten Boulevards, Plätze, Nebenstraßen und Parks.“[1] In diesem Sinne erzeugt auch der Gang ins Museum sowohl eine spezifische Erwartung bezüglich der Wegführungen, der verwendeten Baumaterialien, der Licht- und Temperaturverhältnisse sowie der Verhaltenskonventionen des Personals und des Publikums, als auch im Nachhinein eine spezifische Erinnerung. Die Synthese ist eine Zusammenschau aus Hofdurchquerungen, Treppenaufgängen und Garderoben, aus Ticketschaltern, Bodenbelägen und Ausstellungshallen, aus gesehenen Objekten und studierten Wandbeschriftungen. Das alles kondensiert zu „So ist das Museum“. [1] Vgl. Lucius Burckhardt, Warum ist Landschaft schön. Die Spaziergangswissenschaft. Hrsg. von Markus Ritter und Martin Schmitz. Berlin 2006, S. 329f.

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