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Wut über die digitale Welt

You can’t win ’em all … Ja, das wäre ein prächtiges Motto über dem Baseler Kunst-Spätfrühling gewesen. Die Hauptveranstaltung, die 42. Art Basel, gab ein überaus gemischtes Bild ab. Über die „Art Unlimited“, in der Vergangenheit schon von Jahr zu Jahr schlechter geworden, konnte man ein Ei schlagen, unten in der Rotunde, bei den Klassikern, gab es viel Erhebendes, oben hingegen, bei den Zeitgenossen, herrschte gähnende Langeweile. In ein solches Spektrum passten auch die Satellitenmessen hinein.

Erhebend: Das „Solo Project“, etwas weitab gelegen (Jakobshalle), aber dafür eine todschicke, qualitativ auf höchstem Niveau schwebende Messe mit zahlenmäßig nicht so großem, dafür aber sehr kauffreudigem Publikum. Und auch die Scope, die von Mal zu Mal besser wird. Langweilig bis schlecht zu ertragen: Die Design Miami Basel, die Volta (viel zu weit draußen, in der Dreispitzhalle) und, oh je, die Liste.
Beginnen wir mit dem „Solo Projekt“. Was einmal eine nette Schau in einem Korridor war, hat sich zu einer eleganten Voll-Messe mit 50 internationalen Teilnehmern gemausert. Man zeigt hier nur zwei Künstler maximal. Eine große, eine schöne, eine begrüßenswerte Überraschung.

Rüdiger Voss (Düsseldorf), schon langjähriger „Soloist“, hatte mit Claudia Rogge und Giacomo Costa zwei Renner im Bereich computergestützte Fotografie (von Costa mehrere verkauft um 14.500 Euro). Er schätzt an der Messe die vielen Gelegenheiten, mit Kuratoren und Sammlern neue Verbindungen aufzubauen. Besonders wichtig: Voss verkaufte auch Werke von Künstlern aus seinem Programm, die er zur Messe gar nicht mitgebracht hatte.
Thomas von Lintel (New York) schlug eine Reihe Bilder von Marco Breuer los (7.000 bis 12.000 Dollar), der in Kürze im de Young Museum in San Francisco eine Einzelausstellung bekommt, und auch für Mark Sheinkman konnte von Lintel eine Einzelpräsentation abmachen. Michael Schultz (Berlin, Beijing, Seoul), der drei Architekturfantasien von Biennale-Künstler Maik Wolf (um 20.000 Euro) und mehrere Porzellan-Objekte (etwa im altchinesischen Stil bemalte Autos) von Ma Jun (um 14.500 Euro) verkaufen konnte, sagte dem artmagazine.cc: „Es kommen sehr gute Leute. Das Solo-Projekt ist die Satelliten-Messe mit der besten Qualität. Die Besucherzahl ist noch ein wenig gering, aber die, die da waren, waren gute Sammler.“
Mario Mauroner (Wien) hatte eine beeindruckende Werkschau von Bruno Peinado an den Rhein gebracht, und Lisi Hämmerle aus Bregenz reüssierte mit Neo-Fantastischem von Bernhard Buhmann (verkauft u. a. ein großes Format um 9.600 Euro). Michaela Stock (Wien, die von Ende Juni an eine Ausstellung mit den hintergründigen Fotos von Frank Wegner in ihrer Galerie zeigt, sagte dem artmagazine.cc: „Wir können uns nicht beschweren“ – natürlich nicht, denn sie verkaufte viele der witzigen Arbeiten von Marco Zink, der in seiner „Schwimmer“-Fotoserie Bekleidungs-Gegenstände auf den Meeresgrund sinken lässt. Allein die „Zwei Schuhe“, wie noch tanzend im Sande steckend, gingen acht Mal (um 1.320 Euro).
Ein „Hammer“ auch die türkische Skulpteurin YaşamŞaşmazer – ihre Gruppe „Angst vor dem Licht“ (bei Berlin Art Projects, um 75.000 Euro) ist eine Parabel über die Bedrohungen unserer Zeit. Die nächste Solo – ein „destination event“ (zu gut Österreichisch: Da muss man hin!).

Schauen wir kurz bei den weniger gelungenen vorbei, bevor wir noch einmal uns dem Guten zuwenden. Die VOLTA, weit draußen in der Dreispitzhalle (gut, es gab Shuttle-Busse, aber … ) angesiedelt, hatte wenig Licht, dafür viel Schatten. Bleiben wir beim Licht, im Schatten sieht man so wenig. Kaikai Kiki (Tokio), angereist mit viel Manga-Deko-Kunst, hatte zumindest Yoshiyasu Tamuras „CAT-CH“ (Vorsicht! Doppeldeutig!) aufzuweisen, was über Manga & Co halt doch hinausgeht. Ein Lichtblick bei Vegas (London) war die neue Malerei-Position von Alex Hudson (geb. 1976), der autonome Malerei mit neu gefasster Schwarzromantik verbindet (wurde mehrfach um 1,750 Euro verkauft). Bizarr wie ein Rotfeuerfisch (Pterois antennata): Die thermisch verformten Kunststoff-und-Mixed-Media-Plastiken des niederländischen Duos Heringa/van Kalsbeek. Bei Jarmuschek & Partner (Berlin) hatte es die großen Schwarzweißbilder von Sabine Banovic (um 10.000 Euro), die gut ankamen.
Seine Wut über die digitale Welt hat Christian Eisenberger bei Teapot (Köln) ausgelassen: Er nagelte (durchs Objektiv) eine Digicam an ein Stück rohes Holz (um 1.800 Euro) – eine umgekehrte, letztlich unscharfe, aber anregende Kreuzigungsmetapher.

Ziemlich fürchterlich zeigte sich einmal mehr die „Liste“, auf der es eben, wie ein Berliner Galerist meinte, „Liste-Kunst“ gibt. O ja, in der Tat! Francesco Arena (bei Monitor, Rom) nimmt eine Art Alu-Karniesche, platziert auf ihr ein Stück Torf, einen Rest einer Kokosnuss-Schale und eine angegammelte Hoyo de Monterrey (eine Havanna), nennt das Ganze (übers.) „Ich, Kafka, Kaczynsky, Kinski“ und fertig ist das Kunstwerk. O ha. Ein Werk der Kunst vielleicht …
Aufmerksamkeit verdient Stelios Faitakis. Der griechische Künstler (bei The Breeder, Athen) malt Street-Art-Szenen, mit Tod und Verderben, Beckmann’scher Natur sozusagen, aber das im Stil der ehrwürdigen Ikonenmalerei (verkauft um 15.000 Euro). Auf der Liste sieht man immer einmal wieder etwas Starkes, aber über den Rest lässt man am besten den Mantel der christlichen Nächstenliebe sinken.

Sehr gemischt auch die als so hip geltende „Design Miami Basel“ (DMB) in der Halle 5 der Messe. Altes und Neues Design friedlich vereint, in ein Halbdunkel getaucht, das vermitteln soll, hier gehe es um Edles. Grad wie bei den Antiquitätenmessen. Abteilung alt: Ohne Fehl und Tadel Fiedler (Berlin), der ja auch in Maastricht ausstellt. Eine gute Adresse etwa für Rietveld-Stühle oder Sachen von Mies van der Rohe. Nathalie Kargs Cumulus Studios (New York) zeigten Möbelstücke, unter anderem Liegestühle, angefertigt (von Mike Bouchet) aus den bekannten Supermarkt-Einkaufswagen (Preise von etwa 5000 Euro aufwärts). Ist das kreativ so viel mehr als weiland die Apfelsinenkisten vom Großmarkt? Ein bisserl vielleicht …
Das „Art Newspaper“ sprach von den „Tastemakers“, die nun in Basel gelandet seien. Man hatte aber eher den Eindruck, es seien die Geschmacksverirrten. Ted Nolan etwa (bei Ornamentum aus Hudson, NY), der Parfümzerstäuber in Form groß geratener Pistolen fertigt (3er Auflage, 8.800 bis 13.000 Euro). Manches wirkte, so die Kunstmarkt-Publizistin Marion Zipfel, als hätte man ein Werk nur hingestellt, weil noch Platz da war.
Nicht so bei Mitterand & Cramer (Genf), wo es etwa einen originellen Öllampenhalter (Stonetouch Group; 8er Auflage) aus Marmor gab, den man vielleicht gern bei sich zu Hause hätte, oder bei der Gallery Seomi, Seoul, wo mit Perlmutter besetzte Möbel (Stuhl 18.000 Dollar, Tisch 43.000 Dollar) von Kang Myung Sun der Blickfang waren.
Das Haupt-, Staats- und Prachtstück aber war Zweifels ohne der Schrank von Studio Job beim Carpenter’s Workshop (London). Das „Robber Baron Cabinet“ ist ein Bronze-Nachbau eines Boulle-Möbels in der Wallace Collection in London, aber mit dem Loch einer Kanonenkugel in der Mitte (190.000 Euro, 5er Auflage).

Zum Abschluss noch eine richtig gute Messe: Die Scope. Ständig ist sie überzeugender geworden. Einiges weggelassen, das Solo Projekt zugefügt – und dann alles in die obere Etage der Art Basel geschafft: DAS machte die Art Basel zu einer Super-Schau. Die Scope ist frisch, lebendig, hat gediegene Aspekte und viel tolle Kunst.
Bei Sundaram Tagore (New York, Beverly Hills, Hongkong) etwa verkaufte sich Lee Waislers Porträt von Sigmund Freud (in einer Art negativem Cloisonnée; 72x60 cm) um 52.000 Dollar, und um 350.000 Dollar ging eines der Wasserfall-Bilder von Hiroshi Senju an ein japanisches Museum. Bei Peter Wilde (Berlin) war diesmal John Brown der Star (45.000 Euro), begleitet von Evol und Said Baal (mehrere verkauft). Deschler (Berlin) hatte Holger Bär und seine Malmaschine mitgebracht, die in einer Art Plotter-Technik Bildpunkte auf Leinwand per Spritze aufbringt. Deschler verkaufte unter anderem die bewegungsverwischten Farbfotos im Langformat von Jay Mark Johnson gut (7.800 Euro). Ein Verkaufsschlager war Murat Pulat bei ALANistanbul: Gleich am ersten Tag gingen mehrere seiner Bilder in einer Art Ölfarbenpunzierung auf Leinwand (160x160 cm) um je 15.000 Euro in Sammlungen. Schultz Contemporary (Berlin) verkaufte die mehrschichtigen, hinterleuchteten Transparentbilder von Bong Chae Son (25.000 Euro) und zeigte auch ein 5er-Set aus Stefan Kaluzas Rheinprojekt (18.000 Euro).
Es waren viele Berliner auf der Messe, solche, die frei gebucht hatten, solche jedoch auch (nämlich sechs), die mit der vom Senat von Berlin und der EU subventionierten Aktion „Art from Berlin“ des Landesverbandes der Berliner Galerien nach Basel gelangt waren. Die „Berlin Art Lounge“ war ein beliebter Treffpunkt im Messetrubel, denn der herrschte auf der Scope.
Völlig schräg, aber mit todsicherer „Haben-wollen“-Reaktion: Die Puppen und kleinen Installationen der Künstlerin Ohne Titel (sie nennt sich so, ist so, sorry). Überbleibsel ihrer Reisen bilden den Grundstock für ihre Arbeit, und die Sachen kosten 5.000 Dollar bei Aureus Contemporary aus New York. Verführerisch auch „Annabelle“ aus der Serie „Unconditional Love“ des neuen Mal-Stars Tanja Selzer (bei janinebeangallery, Berlin). In dieser Serie sind Huren und Hirsche die Hauptmotive. Lukas Feichtner (Wien) vertrat die Gruppe „StirnPrumzer“, die Superstars der österreichischen Off-Szene, mit einem eigenwilligen, 240x130 cm messenden Gemälde mit dem Namen „Hate in my pocket“. Eine saubere Sache. Schließlich noch einmal die beiden Welt-Kunst-Metropolen: Asymetrik aus New York glänzte mit vier Werken von David Hochbaum (der gerade bei Strychnin in Berlin eine Solo-Schau hat) und Hohenthal&Bergen (Berlin) konnten mehrere Arbeiten des Österreichers Haralampi Oroschakoff um 24.000 Euro verkaufen, dazu, um 15.000 Euro, Werke von Vadim Zakharov. Na bitte. Kunst macht Markt und Markt kann Spaß machen.

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2 Postings in diesem Forum
... aber meine ist die richtige
Adrian Severin | 27.06.2011 06:52 | antworten
"Zum Abschluss noch eine richtig gute Messe: Die Scope. Ständig ist sie überzeugender geworden. Einiges weggelassen, das Solo Projekt zugefügt – und dann alles in die obere Etage der Art Basel geschafft: DAS machte die Art Basel zu einer Super-Schau. Die Scope ist frisch, lebendig, hat gediegene Aspekte und viel tolle Kunst." ???
???
Tomdom | 27.06.2011 10:33 | antworten
....wenn man keine Ahnung hat, sollte man keine Artikel schreiben dürfen! Ich hab selten so viel Blödsinn gelesen!!

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