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Es scheint, vermutlich

Eigentlich war diese Kolumne anders geplant. Weil: Am Wochenende war ich in Neapel, dort herrscht süditalienisches Chaos, auch in den Museen. Im Museo Archeologico Nazionale haben jedesmal andere Säle geschlossen, den Pio Monte della Misericordia mit dem wundertollen Caravaggio betritt man durch ein Türe, die eher in ein Abstellkammerl zu führen scheint, und die dicken Kartons mit den aufgedruckten Saaltexten im Museo di Capodimonte sind verdreckt. Aus diesen Gründen erschien mir, dort angekommen, die Aufregung um die Demontage der Hologramme im Jüdischen Museum Wien reichlich überzogen. Waren diese nicht ohnehin bereits reichlich veraltet und zudem nicht einmal mehr zu erhalten? Sind sie tatsächlich so bedeutend, dass sie unantastbar bleiben müssen, auf immer und ewig im Boden verankert? Ist eine derartige Bewahrungssucht nicht leicht übertrieben? Stehen nun auch schon Instrumente der Kunstvermittlung unter Denkmalschutz? Derartige Fragen gingen mir durch den Kopf, als ich die vernachlässigten Kunststätten Neapels durchwandelte. Wieder in Wien angekommen, wurde mir klar: Wer sämtliche Zeitungsberichte, Stellungnahmen des Museums sowie jene im Blog des Museologen Gottfried Fliedl (museologien.blogspot.com) durchliest, wird sich nicht weiter über vermeintliche Vergangenheitsverklärung in dieser Angelegenheit beklagen können. Sicher: Den offenen Brief der Kollegen von Museumsdirektorin Danielle Spera mag man dort befremdlich finden, wo er mittels der Feststellung „ Zerstörung ist selbst Thema unserer Arbeit“ eigenartige Parallelen insinuiert. Dennoch: Die Bewahrung an sich ist eben zentrale Aufgabe von Museen. Außerdem: Wenn diese Hologramme tatsächlich so unbedeutend wären, warum kritisieren dann, unter Hinweis auf die ICOM-Richtlinien, Kapazunder aus jüdischen Museen und anderen Instituten von Berlin über Edinburgh bis Paris deren Demontage – alles abgelehnte Anwärterinnen und Anwärter auf Speras Job, wie mancherorts suggeriert wurde? Und, noch eine nicht ganz unerhebliche Frage: Besteht die adäquate Antwort auf derartige Beanstandungen tatsächlich darin, die Chefkuratorin Felicitas Heimann-Jelinek – die gemeinsam mit einem Architekten die Hologramme erdachte – als unglaubwürdig hinzustellen? In einer Aussendung heißt es etwa, dass diese nie auf etwaige Probleme beim Abbau der Hologramme hingewiesen habe. Weiter heißt es: „Es ist ein Standard im Museumsbetrieb, dass Installationen so geplant werden, dass sie wieder entfernt werden können [...] Das scheint – aus welchen Gründen auch immer – bei den Hologrammen nicht geschehen sein.“ Doch „vermutlich“ habe die Kuratorin diese nicht als Kunstwerke, sondern lediglich als „Instrumente zur Darstellung von Inhalten“ betrachtet. Eigentümlich an diesen Formulierungen ist nicht nur, wie sich ein Museum offiziell von einer seiner Mitarbeiterinnen distanziert, sondern auch der Ton der Ungewissheit – nichts Genaues weiß man nicht, und das im eigenen Haus? Wie auch immer die Hologramm-Demontage nun tatsächlich zu werten ist: Führungskompetenz beweist man mit einem derart nonchalanten Umgang mit Kritik nicht.

Ihre Meinung

3 Postings in diesem Forum
wie schwierig es ist, bei der sache zu bleiben
Gottfried Fliedl | 15.02.2011 06:14 | antworten
Liebe Frau Schedlmayer! Danke für Ihren Kommentar. - Zwei, drei Anmerkungen: Frau Heimann-Jelinek wird nicht nur als unglaubwürdig dargestellt, sondern es wird ihre berufliche Existenz am Museum in Frage gestellt. Man muß keine Vermutungen darüber anstellen, daß alle Kritiker gekränkte Bewerber um den Direktionsposten sein könnten. Die Bewerbe sind bekannt, die Kritiker (die Briefeverfasser) sind bekannt. Die zwei Teilmengen decken sich nicht, abgesehen von der Abwegigkeit der Unterstellung. Der Abbruch und die Umstände, unter denen er vorgenommen wurde, sind nicht Gegenstand der Kritik. Sondern die symbolische Dimension dieses Vorgehens, mit der die bisherige Arbeit infragegestellt wurde und die nach der zukünftigen Entwicklung mit einer Hypothek belastet wurde. Mit freundlichen Grüßen, Gottfried Fliedl
Antwort: wie schwierig es ist, bei der sache zu bleiben
Nina Schedlmayer | 18.02.2011 01:39 | antworten
Lieber Herr Fliedl, danke für Ihre Anmerkungen; ich bin gespannt, was in dieser Angelegenheit weiter geschieht. Dass die Kritiker des Hologramm-Abbruchs natürlich nicht erfolglose Bewerber um die JMW-Direktion sind, ist klar - nur wurde es eben teilweise so dargestellt, als würde sich eine Lobby aus Leider-nein-Direktoren zusammenrotten und gegen die neue Leitung opponieren. Auch das sollte an dieser Stelle kritisiert werden. Herzliche Grüße, Nina Schedlmayer.
wozu die aufregung?
bitteichweiss | 21.02.2011 08:27 | antworten
sehe das ähnlich, wie die vorangegangenen beiden Meinungen. Dass es zu solchen Aufregungen überhaupt kommen kann, liegt meiner Meinung nach in der heutzutage angestrebten unbedingten Erhaltenswürdigkeit bzw. Unverrückbarkeit vieler Denkmale, auch wenn sie in formeller wie qualitativer Hinsicht längst überkommen sind (siehe Hrdlicka-Mahnmal gegen Krieg u. Faschismus/Albertinaplatz).

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