Werbung
,

Fleischkleid

Der britische Autor und Schauspieler Stephen Fry (man kennt ihn hierzulande beispielsweise von seiner Rolle als Oscar Wilde) schildert in seinen Jugenderinnerungen (im Original „Moab Is My Washpot“, auf deutsch einfältig „Columbus war ein Engländer“ betitelt), wie das losging mit der Bühnenkarriere. Macbeth wurde gegeben im Schultheater, und Fry war eine der drei Hexen. „Ich verkündete, mir schwebe da ein Kostüm mit roher Leber, Lunge, Nieren, Milz und anderen Innereien vor, die ich mir mit frischem Gedärm um den Leib binden wollte.“ Tatsächlich brachte Fry seinen Vorschlag durch, es muß in den frühen Siebzigern gewesen sein, und die Buchstäblichkeit des Blut-und-Hoden, die seither ihr Wesen treibt, hat in ihm eine Art Galionsfigur. „Ich schwöre“, beschließt Fry das Kapitel, „der Gestank verwesender Eingeweide hängt noch heute in der Künstlergarderobe unter der Bühne, da ich zwischendurch immer mal wieder vorbeigeschaut habe“.

Als jetzt Lady Gaga bei den MTV Video Awards vorbeigeschaut hat, konnte einem ein ähnliches Aroma in die Nase steigen. Sehr, nun ja, atavistisch sah sie aus, als sie da in ihrem Fleischkleid daherstöckelte, die Füßchen auf Plateau aus Steaks, eine Mischung aus zu Früh und zu Spät, aus noch nicht durchgegart und mumifiziert, und jedenfalls war die Aufmerksamkeit ganz bei ihr. An einschlägiger Stelle ließ das rohe Fleisch ein wenig fitnessmäßig durchgestyltes aufscheinen, denn der liebe Gott, das wusste schon das Mittelalter, hat es durchaus so eingerichtet, dass der Schleim und das Gallert, aus denen das Weib besteht und die von Lady Gaga so stolz nach außen gekehrt wurden, von einer einnehmenden Hülle umgeben sind.


Lady Gaga bei der Verleihung der MTV Awards im Fleischkleid

Das Cover zu Monika Wagners 2001 bei C.H.Beck erschienener Abhandlung „Das Material der Kunst“ ziert ein Foto, das eine Arbeit von Jana Sterbak zeigt. Eine junge Frau sitzt am Boden, und sie trägt ein Fleischkleid. Ganz aus Hüftsteak besteht es, mit Salz eingepökelt um der Appetitlichkeit, und mit Nähgarn verschnürt um der Fasson willen. „Material“, so schreibt Monika Wagner im Vorwort, meint jene "natürlichen und artifiziellen Stoffe, die zur Weiterverarbeitung vorgesehen sind", doch diese Definition scheint nicht ganz zu stimmen, denn die Weiterverarbeitung des Beefs steht im Fall von Jana Sterbaks Performance gerade nicht zur Debatte (diese Definition ist insgesamt ein Problem von Wagnes Buch, zu deutlich sieht sie Material im Zusammenhang einer Ikonografie, wie etwa bei Joseph Beuys, und zu wenig blickt sie auf die pure Vorhandenheit der Stoffe, die nichts sind außer sie selbst wie etwa in der Minimal Art).

Vielleicht kannte Lady Gaga die Auftritte, die Jana Sterbak in Szene setzt. Allein, es war eben doch nur Fake, Kunst-Stoff, das Fleisch sah nur so aus, nichts roch heftig, und alles war eine Darbietung für den Fernblick der Kameralinse. So eklig wie sie gern wäre, ist sie doch nicht, die gute Gaga. Und es bleibt Gunther von Hagens mit seinen Plastinaten, der Pate steht für derlei Skandal in Plastik. Aber die Chose ist ja noch offen. Von Jana Sterbak jedenfalls gibt es, seinerseits abgebildet bei Monika Wagner, einen „Flesh Dress for an Albino Anorectic“: Nächstes Jahr dann bei den MTV Video Awards.

Ihre Meinung

Noch kein Posting in diesem Forum

Das artmagazine bietet allen LeserInnen die Möglichkeit, ihre Meinung zu Artikeln, Ausstellungen und Themen abzugeben. Das artmagazine übernimmt keine Verantwortung für den Inhalt der abgegebenen Meinungen, behält sich aber vor, Beiträge die gegen geltendes Recht verstoßen oder grob unsachlich oder moralisch bedenklich sind, nach eigenem Ermessen zu löschen.

© 2000 - 2018 artmagazine Kunst-Informationsgesellschaft m.b.H.

Bezahlte Anzeige
Bezahlte Anzeige