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Loop der Erinnerung

Astrid Mayerle, 30.08.10

Manche Bilder prägen sich so tief ins Unterbewusste ein, dass wir sie auch in einem völlig verschwommenen oder verfremdeten Zustand wieder erkennen, etwa bekannte Gesichter oder vertraute Orte. Francisco und Markus Schork liefern so eine Szene. In ihrem Video, in dem scharfe und unscharfe Einstellungen immer wieder ineinander übergehen, ist ein Bach zu sehen, der von rechts nach links durchs Bild fließt. Am Ufer spielen Kinder, Jogger kommen vorbei. In der Mitte ein Baum mit einer breiten Astgabel. Irgendeine Allerweltslandschaft? Keineswegs, denn bereits im unscharfen Zustand erkennt jeder Münchner, dass die Szene im Englischen Garten spielt und zwar unmittelbar hinter dem Haus der Kunst. Das Video zeigt einen Livestream, das heißt, es überträgt eins zu eins, was sich gerade im Rücken des Museums abspielt.

Aber was nur ist es, das im Gehirn diesen Wiedererkennungsreiz stimuliert? Ist es die in dem Fall die markante Astgabel, das gleißende Sonnenlicht, das die Baumkronen schimmern lässt, ist es die Geschwindigkeit der Strömung? Oder ist es alles zusammen, eine Atmosphäre, die es so nur an jener Stelle im Englischen Garten entsteht? Das Video hinterfragt die Signifikanten des Bilderlesens und Bildererinnerns. Es ist eine der besten Arbeiten in der „Großen Kunstausstellung“ im Haus der Kunst. Die Überblicksschau mit etwa 150 Arbeiten aktueller Kunstproduktion läuft in diesem Jahr unter dem Titel „Im Haus“. Viele Gemälde, Installationen und Videos nehmen klar Bezug zum Thema, vor allem die Fotoserien: Andrea Borowski hat Paare, Familien und Singles in ihren Wohnungen portraitiert. Man könnte auch sagen, sie hat die Wohnungen von Paaren, Familien und Singles portraitiert. Jedenfalls geht es um die Beziehung von Mensch und Umgebung, eine Art Soziologie des Wohnzimmers. Regine Chossy befragt mit ihrer Serie „66 Blicke vor dem Ausziehen“ ebenfalls die selbst inszenierte Wohnsituation und damit die Identität von Räumen. Die Fotoserie zeigt Details einer Wohnung – vom Schlüsselloch über den Obstkorb, die Wäscheleine, das Bücherregal bis hin zum zerwühlten Bett. Es geht um die Intimität des Privaten, aber auch um das Fremde im Vertrauten.

Andere Künstler, vor allem die Bildhauer, beziehen sich auf klassische architektonische Formen des Hauses: hier taucht der Würfel mit dem Satteldach auf, wie er in Kinderzeichnungen vorkommt, aber auch in der Bausparwerbung - als archetypischer Platzhalter fürs lang ersehnte Eigenheim. Während sich die meisten Künstler mit konkreten Räumen und Behausungen beschäftigen, geht es Albert Coers auch um das geistige Zuhause: er baute ein Iglu aus Kinderbüchern und erinnert damit an Zustände völligen Sichselbstvergessens und an die Möglichkeit, in einem Buch in einer zweiten Wirklichkeit zu hause zu sein, wie es etwa Michael Endes „Unendliche Geschichte“ erzählt, in der die Hauptfigur Bastian, ein lesender Junge, Teil jener Erzählung wird, die er vor sich aufgeschlagen hat. Albert Coers´ Arbeit erhält an diesem Ausstellungsort, dem ursprünglichen Nazi-Bau, noch eine andere Konnotation: die aufgetürmten Kinderbücher erinnern einerseits an die brennenden Bücherberge verfolgter Autoren und andererseits an die erste Ausstellung, die in der Nachkriegszeit im Haus der Kunst stattfand: sie war Kinder- und Jugendliteratur gewidmet.
Fazit: eine sehr gelungene Übersichtsschau mit starken Einzelpositionen!


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Haus der Kunst München
80538 München, Prinzregentenstraße 1
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Öffnungszeiten: täglich 10.00 bis 20.00 Uhr


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Haus der Kunst München
Große Kunstausstellung 2010

11.08.2010 bis 03.11.2010

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