Der elegische Sound der Erinnerung

Susanne Jäger, 25.09.10

Zweiundzwanzig Tage war die Künstlerin Susan Silas auf der Route unterwegs, auf der im April 1945 580 weibliche jüdische Gefangene aus einem Nebenlager des KZ Flossenbürg durch Deutschland und Tschechien getrieben wurden, und zeichnete die damaligen Ereignisse anhand kühl-poetischer Fotografien nach: Auf Anordnung der Alliierten wurden 95 Frauen, die während des Todesmarsches in Volary gestorben waren, im vorderen Teil des städtischen Friedhofs beerdigt. Nach deren Abzug pflanzten die BewohnerInnen eine Baumhecke, die den Friedhof nun in zwei Bereiche teilt.

Silas’ Arbeit, im Rahmen der Ausstellung „Bless my homeland forever” in der Kunsthalle Exnergasse zu sehen, zeigt eine der Umgangsweisen im Spannungsfeld von kollektiver Erinnerung und Verdrängung, das die von Karoline Mayer und kuratierte Schau thematisiert. Ausgangspunkt für die Ausstellung ist der US-Film „The Sound of Music” (1965). Während TouristInnen aus aller Welt an die Salzburger Originalschauplätze pilgern, ist der Film hierzulande weitgehend unbekannt. Der schlüssigen These der KuratorInnen zufolge deswegen, weil das im Film gezeichnete Österreich-Bild als „naiv-kreatives Völkchen (…), welches dem Anschluss, wenn nicht aktiv unterstützend, dann zumindest gleichgültig gegenübersteht“, so gar nicht mit dem heimischen Nachkriegsverständnis von Österreich als erstem Opfer Deutschlands übereinstimmte.

So geht die verdienstvolle Schau mit Beiträgen aus zwölf Ländern Fragen wie dem Verhältnis von Geschichte und Identität sowie den Auswirkungen von kollektivem Vergessen nach und leistet zudem Gedenkarbeit: etwa „Verkehrsflächen 1” von Werner Kaligofsky, der nach Gegnern des Nationalsozialismus benannte Straßen in Innsbruck, aber auch den oft heftigen Widerstand gegen die Umbenennungen dokumentiert. Den besonders widersprüchlichen heimischen Umgang mit der Vergangenheit untersucht auch Karoline Mayer anhand des „Katalogs österreichischer Kriegsdenkmäler”. Neben den üblichen Huldigungen an die „Helden der beiden Weltkriege” findet sich in Kirchberg am Wechsel immerhin auch eine Inschrift im Gedenken an eine deportierte jüdische Kaufmannsfamilie.

Besonders berührend: Ioana Marinescus filmische Installation über die 1984 auf Anordnung Ceau?escus erfolgte Schleifung eines ganzen Bukarester Stadtviertels. In elegisch-melancholischen Bildern spürt die Künstlerin den vertriebenen BewohnerInnen nach und zeigt die unwirtlichen Brachen, die im Zuge der Errichtung des megalomanen „Palast des Volkes” entstanden.

Dass die sorgfältig gemachte Ausstellung den BesucherInnen aufgrund des dem Thema geschuldeten Überhangs an Doku-Kunst einiges abverlangt, ist aufgrund der hohen Qualität der Beiträge durchaus verzeihlich. Dass darüber hinaus trotz des Minimalbudgets noch eine informative Broschüre sowie ein Katalog produziert werden konnten, verdeutlicht einmal mehr, wie effizient das Team der Kunsthalle Exnergasse und ihre ProjektpartnerInnen mit den geringen finanziellen Ressourcen umzugehen verstehen.


Tipps

 

Kunsthalle Exnergasse x
1090 Wien, Währinger Straße 59, 2. Stiege, erster Stock
Tel: +43 (0)1 401 21-41 oder +43 (0)1 401 21-42
Fax: +43 (0)1 401 21-67
email: kunsthalle.exnergasse@wuk.at
http://www.kunsthalle.wuk.at
Öffnungszeiten: Dienstag bis Freitag 13:00 - 18:00, Samstag 11:00 - 14:00 Uhr




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Bless my homeland forever - I, too, will try to forget...

16.09.2010 bis 16.10.2010

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