Nummer 6
Rainer Metzger, 08.08.10
Kristallisation ist eine gern gebrauchte Metapher, wenn es darum geht, die Erstarrung zu bezeichnen, die Gesellschaften trifft, wenn sie an ihrer Zukunft zweifeln. Sie kehren sich in sich selbst, verfestigen sich, petrifizieren. Beispielhaft dafür die Situation in der zweiten Hälfte der Sechziger. Ab 1967 wird unverkennbar, dass die Herzlichkeit zwanghaft wird und die Aufforderungen, sich zusammen zu tun, forciert werden müssen. Die Mitreißendheit mutet gespielt an, das Wirgefühl wird zum Imperativ und die Kollektivität Sache einer Regie. „Come Together“ singen die Beatles, und das ist, wie wenn man den Rat bekommt, spontan zu sein. In Woodstock glauben sie dann tatsächlich, mit Singen den Regen zu vertreiben. Gute Laune wird Ergebnis eines guten Willens. Hinter all den freudigen Erwartungen, wie sie mit Flower Power und Hippiekultur aufs Tapet kommen, lauert insgesamt der Verdacht, dass etwas nicht stimmt mit ihnen, dass sie verfehlt sind, konstruiert und jedenfalls klischeehaft.
Von September 1967 bis Februar 1968 bringt der britische Privatsender ITV „The Prisoner“ auf den Bildschirm, eine 17-teilige Serie, die deutlich an „The Avengers“, zu deutsch „Mit Schirm, Charme und Melone“, anknüpft, den nonchalanten Agenten-Episoden aber eine Schlagseite ins Festgefahrene und Verhärmte mitgibt. Patrick McGoohan ist Hauptdarsteller und bald Drehbuchautor und Regisseur in Personalunion, er erzählt die unerhörte Begebenheit von einem Aussteiger, der seinen Spionagejob aufgibt, von seiner eigenen Organisation aber festgehalten wird, um die Beweggründe dafür zu erfahren. „The Prisoner“ lebt nun in der Splendid Isolation einer Anlage von Luxus-Appartements, Folge für Folge will er fliehen, wird immer wieder eingefangen, zurückgebracht, und der Kreislauf einer ebenso komfortablen wie labyrinthischen Selbstbezogenheit beginnt von Neuem.
The Prisoner, Hauptdarsteller Patrick McGoohan
Der Titelvorspann zeigt den identitätslosen, in seiner Gefangenschaft dann zu „Nummer 6“ – so lautet auch der deutsche Titel der Serie – anonymisierten Helden, wie er mit seinem Sportwagen durch London fährt, am Parlament vorbei, zu seinem Vorgesetzten, um ihm die Kündigung auf den Tisch zu werfen, wie er anschließend betäubt wird und nun in seiner Idylle an der Küste sitzt – gedreht wurden die Folgen in Portmeirion, einem skurrilen Eigenbau-Italien des Architekten Clough Williams-Ellis im Nordwesten von Wales (heute als Hotel genutzt). In der letzten Folge scheint der „Prisoner“ freizukommen, doch das Ende der Geschichte zeigt exakt jene Straßen und Szenen Londons, mit denen der Vorspann einsetzt. Alles beginnt, wie es aussieht, von vorne, und dieses Ende der Geschichte ist auch eines der Historie, ein Post-Histoire, dem nicht zu entrinnen ist, eine Existenz in der angenehmen Ausweglosigkeit des Um-Sich-Selber-Kreisens.
Jetzt ist „The Prisoner“ alias „Nummer 6“, jeweils zu drei Folgen zusammengefasst, auf Arte wieder zu sehen. Jeweils am Samstagabend. Sehr zu empfehlen. Und wie es weiterging, wissen wir heute auch. Auf ihre Art hat die Serie vorweggenommen, was zumindest vielen Briten bis heute in den Knochen steckt: Margaret Thatcher.

