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Wendelin Pressl - Revue

Geglücktes Theater mit der Verdauung Wien ist eine Stadt, in der viel zuhause ist. Man könnte auch sagen, Wien sei eine Stadt mit lebendiger Verdauung, weil abends die Spuren der Fiaker mit Wasser abgewaschen werden. Viele, die nicht in Wien sind, wollen gern herkommen. Trotzdem ist Wien auch eine Stadt, die schon viel verdauen mußte, und es ist eine Stadt, in der man schwarze Hornhaut an den Füßen züchten kann, um den hitzigen Ruß der Autoauspüffe auch in Flipflops auszuhalten. Zuviel Verkehr führt zu Verstopfung und Blähung. Eigentlich könnten Plätze ermöglichen, daß man trotz all der vielstöckigen Häuser mal einen freien Blick zum Himmel hat. Aber der Himmel über dem häuserfreien Platz muß meist von vielen Bussen, Taxen, Lieferwagen, Mopeds und Privatautos unterfahren werden. Bewundernswert scheint geradezu, daß die Farbe am Himmel immer noch blau ist, wenn die Sonne scheint. Ein solcher Platz, der weniger für den freien Spaziergang und mehr als Darmschlinge für den Verkehrsfluß fungierte, war der Fritz-Grünbaum-Platz in Mariahilf zwischen Flakturm, Apollokino und Windmühlgasse an der Gumpendorfer Straße. Fritz Grünbaum arbeitete erfolgreich in Wien als Kabarettist, Schauspieler und Conférencier, bis ihm 1938 die Freiheit des Bühnenhimmels genommen wurde und die Ehre eines ordentlichen Begräbnisses in Wien; er starb 1941 in Dachau. Seit dem 15. April gibt es am Fritz-Grünbaum-Platz eine temporäre Installation, die aus Holzbalken eine integrative Tribüne mit Stufen bildet und den Platz als Geschehen in einen freien Bühnenraum verwandelt. Der Niveauunterschied zwischen der Schadekgasse und dem baumreichen Platz vor dem Flakturm wird durch Wendelins Pressls „Revue“ verdoppelt und zugleich mit den obersten Rängen ausgeglichen. Die Arena genauso wie die in ihr aufgeführte Handlung wird bestimmt durch den Standpunkt des Betrachters. Die Verbindung zwischen dem spielerischen Charakter einer meist musikalisch umrahmten Revue und dem erinnernden Zurück-blicken auf die Geschichte des Fritz Grünbaum wirkt genuin eingefühlt und bar jeder Betroffenheitsfloskel. Die Treppe ist dank eines über siebzig Seiten starken Statikerberichts für alle offen und erweist sich als Gemeinwesenmöbel, dessen Charakter liebenswürdig und unverkrampft an die ersten Theater der ersten Städte erinnert. Theater stiftet die Erfahrung von Bühne als magischem Raum, die die Erweiterung von Wahrnehmung ermöglicht. So sprach eine amüsant widersprüchliche Standardrezension bereits von einem Nichts, das an der Tribüne gesehen werden könnte, und von drogenkonsumierenden Stadtbewohnern, die allein sichtbar würden. Ein derartig paradoxes Betrachten von nichts und einigen wäre für sich schon kunstvoll genug. Tatsächlich ist recht viel Verkehr zu sehen. Er bietet das Theater des Absurden und den Genuß, im besonnten Sitzen von oben zu verfolgen, wie die lieblichen Blechhöhlen sich durch die Straße fädeln. Außerdem gab die Klezmergruppe Pallawatsch  bereits ein Konzert. Noch nicht erfaßt ist die Anzahl der Rendez-vous, die an der „Revue“ ihren Anfang fanden. Bis 15. Oktober 2010, Fortsetzung im nächsten Jahr wünschenswert!

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1 Posting in diesem Forum
Revue vs Esterhazypark
Peter Stejskal | 08.07.2010 10:33 | antworten
Also ich finde unter dem Deckmantel "Kunst" wurde hier schlicht Steuergeld verschissen. Ein paar Schritte vis a vis kann mensch ebenso auf Parkbänken, unter Bäumen, oder in Grünanlagen verweilen, Autos und Busse rauschen nicht unmittelbar an einem vorbei und man sitzt nicht in der prallen Sonne, wie bei diesem "Kunstprojekt". Tropische Bäume, wahrscheinlich aus einem Regenwald, mussten auch eigens dafür gefällt werden. Ein äußerst bedenkliches Projekt also. Gefördert von den Grünen. Na toll. So viel zum Thema Umweltschutz und Nachhaltigkeit.

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