... Beirut: Vorwärts in die Vergangenheit But What's Next?
Maren Richter, 21.06.10
Es gibt vermutlich kaum etwas weniger prickelndes als Kunst unter nationalen Gesichtspunkten zusammenzufassen. Dennoch macht das in Libanon irgendwie Sinn. Obwohl das Land mitnichten das einzige ist, in dem ProduzentInnen unter erschwerten Bedingungen arbeiten, hat sich nicht unbekannterweise in den letzten zwei Jahrzehnten eine unglaublich dynamische und präzise die politischen und sozialen Parameter des Landes reflektierende Kunstszene entwickelt, die eine Dringlichkeit darin sieht, das zur Sprache bringen, was man gerne zu politischen oder wirtschaftsankurbelnden Zwecken ausblenden will. Dass dabei die Strategien vielfach interdisziplinäre bzw. institutionsähnliche Strukturen mit hohem Grad an Selbstorganisation annehmen, machte Beirut in den letzten zwei Jahrzehnten zu einem wichtigen Zentrum des Nahen Ostens, und zunehmend interessanter für die westliche Kunstwelt.
Möglicherweise hat dieses Engagement damit zu tun, dass LibanesInnen, wie der junge Musiker und Filmemacher Christophe Katrib anmerkt, zu selbstzentrierten Überlebensstrategien mit -wenn notwendig- grosser „Kompromissbereitschaft“ neigen und daher zum Beispiel im Norden nicht mehr relevant ist, wenn sich für den Süden das Ende der israelischen Okkupation zum 10mal jährt. Auf der anderen Seite hat sich eine Zivilgesellschaft emanzipiert, die 2005 durch Demonstrationen den Abzug der seit 1975 stationierten syrischer Truppen erkämpften. Performancekünstler Rabih Mroué nimmt diese Ereignisse gemeinsam mit Lina Saneh in seinem neuesten Stück als Folie für eine selbstironische Reflexion auf die jüngste Geschichte. Kurz nach dem Angriff Israels im Sommer 2006 situiert, sprechen eine Hausfrau und ein ehemaliger Aktivist, zerrissen zwischen Fundamentalismus und Ultrakapitalismus, über die Verehrung des Krieges, die Rolle der Frau und die linken Kräfte im heutigen Libanon. Mroué gehört jener „Nachkriegsgeneration“ an, die die Transformation von Bürgerkrieg zu einem Zustand, der nicht weniger gewaltfrei war, und - in der Gegenwart angelangt-, von neoliberalen Wirtschaftsinteressen überformt ist, perpetuierend thematisieren.
Die damit einhergehende Suche nach Möglichkeiten des Zur-Sprache-Bringens kreist um die Forderung jeder posttraumatischen Gesellschaft: nach einem historischen Gedächtnis. Die offizielle Geschichtsschreibung endet im wesentlichen mit der französischen Unabhängigkeit im Jahr 1946. Alles was danach kommt, scheint aus heutiger Sicht je nach politischer Agenda voll widersprüchlicher Erzählungen und Instrumentalisierungen zu sein, die allesamt, so der Befund vieler KünstlerInnen, Symptome der Amnesie aufweisen. Der Videomacher und Filmtheoretiker Jalal Toufic Zustands bringt das Dilemma auf den Punkt: die Amnesie ist in die jüngste Geschichte gerichtet und die Erinnerung in die Zukunft. (1)
Ein offensichtlicher Referenzepool ist der städtische Raum, seine anwesenden oder abwesenden Spuren. Seit Jahren durchforstet der Architekt Tony Charkar Beirut akribisch nach Zusammenhängen zwischen Architektur, Repräsentations – und Transformationsgeschichte, etwa im Süden Beiruts, der heute von der Hisbollah wie ein Stadtstaat kontrolliert wird. Häuser werden dort im Schnellverfahren aufgebaut, um, so Charkar, vermeintliche Lücken des kollektiven Gedächtnisses rasch zu schliessen. Eine Taktik, die sich als soziale Politik darstellt und die Hisbollah als ernstzunehmende Partei, deren Anhängerschaft sich stetig vergrössert, positioniert.
Im Kontrast dazu steht die gar nicht ideologische Baupolitik der Innenstadt. Die Immobilienfirma Solidere, gegründet vom damaligen Ministerpräsident Rafik al-Hariri, kaufte vor einigen Jahren die historische Innenstadt auf und verwandelte sie in ein (gut bewachtes) kommerzielles Spekulationsparadies mit kolonialgeschichtlicher Kulisse. Jenseits der alten Stadtmauern hingegen wuchern neue Grossbauprojekte und zementieren endgültig die Strategien der unternehmerischen Stadt, wie man dies vom Büro des Kollektivs Arab Image Foundation aus eindrucksvoll überschauen kann. Eine Kunstinstitution in dieser Lage ist eher ungewöhnlich. Durch die Dubaification, so die Bezeichnung von Kritikern für den gewinnorientierten „Wiederaufbau“, zieht es Kunstinitiativen meist in die Industrieviertel. Das Anfang 2009 eröffnete Beirut Art Centre ist eine davon. Es ist zugleich auch eines der ersten Orte mit eigenen Ausstellungsmöglichkeiten und somit nicht angehalten, temporär zu agieren oder nomadisch-parasitär in den Stadtraum zu intervenieren.
Obwohl diese Ortlosigkeit als eine Art Beiruter Spezifikum gilt, hat sich in den letzten zwei Jahren, so scheint es, das Bedürfnis nach Verortung breit gemacht. Etwa das Labor 98weeks, das seit kurzem neben Workshop- und Arbeits- auch Präsentationsräume dazu gemietet hat, oder die seit 1995 ohne Räume bestehende Ashkal Alwan Foundation, welche im Herbst 2010 die Ashkal Alwan Academy mit ca. 1000qm eröffnen wird. Die Foundation veranstaltet, je nach politischer Lage, einmal jährlich das zehntägige Forum „Home Works“ unter der Leitung der Direktorin Christine Thohme. Wie schon in den letzten Ausgaben war auch heuer das Programm mit Podien, Vorträgen, Performances, Filmprogrammen, Ausstellungen und Workshops dicht. Während sich die Editionen davor vornehmlich auf den Nahen Osten konzentrierten, entschied sich die Kuratorin dieses Jahr aus gegebenem Anlass im Schwerpunkt für ein allgemeineres Thema „In and Out Education“ mit ebenso internationalerer ReferentInnen-und KünstlerInnenliste. Zum einen wollte man den methodischen Ansatz der Academy, die, mit Beirut als referentiellen Campus nach alternativen experimentellen Formen von Wissensproduktion sucht, als globales Phänomen der Kunst dargestellt wissen, zum anderen eine auf die Region fokussierte, bildungspolitische Diskussion anzetteln. Trotzdem das Akademievorhaben im wesentlichen abbildet, was die Stiftung bisher ohne räumliche Verankerung bereits getan hat, so ist das Thema Ausbildung/Information/Wissen im Nahen Osten als Instrument für In- und Ausschlüsse im Kontext der Geopolitik brisant. So war bis vor kurzem den PalestinenserInnen nicht erlaubt Kunstakademien zu eröffnen, aber auch Vorhaben wie Abu Dhabis Saadiyat Island mit einem Guggenheim und Louvre werden Effekte auf die Gesamtregionen haben.
Dass nicht nur Bildung, sondern auch Gedenkstätten oder nicht vorhandene Mahnmale Teil der Erinnerungskultur sein sollten, dafür plädieren zwei Projekte, die zur Zeit im sogenannten Dome City Center die Gruppe Feel (arabisch Elefant) präsentiert. Alleine die Wahl des Ortes ist symbolisch aufgeladen. Das Dome City Center reminisziert als eines der letzten erhaltenen modernistischen Architekturzeugnisse nicht nur die Zeit vor, während und nach dem Bürgerkrieg (erbaut in den 60er Jahren, als Kino im Bürgerkrieg geschlossen, und 2006 teilweise zerstört). Es vergegenwärtigt auch die schnellen Ökonomisierung. Das Areal wurde an Investoren aus Abu Dhabi verkauft und dass es noch keinem Shoppingkomplex gewichen ist, und zwischengenützt werden kann, verdankt es lediglich dem Krieg und der Wirtschaftskrise.
Anlass beider Ausstellungen war der Beginn des Bürgerkriegs 1975. Allerdings, so die InitiatorInnen, können man ebenso die Libanonkrise zwischen pro-westlichen Christen und nationalistischen Muslimen ab 1958 nehmen. „Missing“, ein work-in-progress, das versucht bis heute verschwundene Personen archivarisch zu erfassen und „In a Sea of Oblivion“, das mit grossformatigen Fotodokumenten episodenhaft eine Geschichte der Gewalt abbildet, möchten den Denkprozess des Mahnens und Erinnern materialisiert sehen. Und solange es diese Ambitionen von staatlicher Seite nicht gibt, tourt die Ausstellung im gesamten Land.
Was die beiden Projekte in sehr direkter bildgewaltiger Weise tun, führt manche im Laufe der Zeit zu einem methodischen Darstellungsnullpunkt, wie beispielsweise den Konzeptkünstler Walid Sadek, der diesen April eine grosse Soloshow im Beirut Art Centre hatte. Von der Objektkunst kommend, thematisiert er zunehmend das Abwesende als das was es ist, abwesend. Ziel ist es jegliches Didaktische und Erzählerische zu substrahieren und den Betrachter zum Interpreten des Abwesenden zu ermächtigen. Möglicherweise ist das die Konsequenz dafür wie man einer Bilderpolitik gegensteuert und neuen Raum schaffen kann, aber auch zu „lernen weniger zu sehen“, wie ein Cluster der Ausstellung vorschlug. Eine Art Zukunftsszenario. Denn die Chance auf eine wirklich erste Nachkriegsgeneration wurde mit dem Israel-Krieg zerschlagen, konstatiert Sadek. Tatsächlich hat seit dem das, was die Bürgerkriegsgeneration mit grossem Nachdruck in Erinnerung rufen möchte, für viele junge KünstlerInnen an erschreckender Nähe gewonnen. Und deshalb bleibt auch einer kommenden Generation vermutlich nichts anderes als sich mit den posttraumatischen Entwicklungen zu beschäftigen, Methoden des Dokumentierens des Nichtgesagten und Rhetoriken des Widerstands zu entwickeln, wenngleich mit veränderten Mitteln. Demonstration werden über Twitter und co. organisiert und populäre Rapper überzeugt, Schulter an Schulter mit AktivistInnen für die Säkularisierung zu protestieren. Aber wie die 2005 nach der Bürgerrevolution gegründete Online-Zeitung New Opinion Workshop (NOW) diese neuen Bündnisse und Netzwerke ungewöhnlich skeptisch übertitelt, „But what's next“, das bleibt mit Spannung abzusehen.








