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Süßer und saurer Kitsch

Um zu bemerken, dass Otto Muehl ein schlechter Künstler ist, hätte es nicht einer Ausstellung im Leopold Museum bedurft. Und auch jetzt, da man das Lausige seiner Bilder benennt, bedarf es offenbar einer Koppelung der ästhetischen Bewertung mit einer moralischen. Muehl war ein schlechter Mensch, und so muss dann auch seine Kunst sein. Abgesehen davon, dass ein solches Junktim Humbug ist, spricht es wieder Bände für die generelle Scheu vor einem Qualitätsurteil.

Zeitgleich zeigen sie im Belvedere einige Meisterwerke viktorianischer Malerei. Als müsste man auch hier seine Händel mit der Gelungenheit von Bildern haben, stellt man die Präsentation unter einen Begriff, der das Altbackendste, Fadeste, Tristeste transportiert, was der Kunstbetrieb kennt: Schönheit. Es bedarf wiederum einer Rechtfertigung, und sie greift in die Trickkiste der Vormoderne. Auch wenn die Präraffaeliten sich für Realisten hielten und getreu ihres Mentors John Ruskin Programm ein Verfahren des „Selecting Nothing, Rejecting Nothing, Scorning Nothing“ anstrebten, sehen wir Heutige nur noch das krasse Gegenteil: Stilisierung, und zwar ins Verlogen-Süssliche. Wir hegen den Kitsch-Verdacht.


Frederic Leighton, Flaming June, 1895

Kitsch: Alle wissen, was damit gemeint ist, das Retortenhafte, Unerträgliche, jeder Authentizität Entgegengesetzte. Alles das, was das Gegenteil von Kunst markiert. Bald indes wurde nicht der Begiff, der mutmaßlich in den 1870er Jahren in München zum ersten Mal Verwendung fand, aber das Phänomen, für das er steht, auf die Hochkunst übertragen. Von Friedrich Nietzsche, der im Jahr 1888 den „Fall Wagner“ aufgreift. 30 Jahre später stand dann die Avantgarde im Fokus, explizit unter Verwendung des einschlägigen Begriffs, und explizit bezogen auf Picasso. Auf eine feinsinnige Unterscheidung bauend, stattet Kurt Glaser im Jahr 1920 den Almanach des Verlags Bruno Cassirer mit einem Text aus, der betitelt ist „Vom süßen und vom sauren Kitsch“. Hier heißt es: „Heute predigt einer von den angeblichen Neueren, es sei kein Unterschied zwischen einem Bindfaden und einem Bleistiftstrich, und da Watte weich sei, solle sie unmittelbar als Ausdruck der Weichheit Verwendung finden. Man könnte über diese Torheiten zur Tagesordnung übergehen, wenn sie nicht anscheinend schon recht vielen Menschen den Kopf verdreht hätten. Es ist so leicht, an eine Banalität zu glauben, und es ist so schwer, Kunst zu sehen, es ist so leicht, sich als Anhänger des sauren Kitsches mit revolutionärer Gebärde in die Brust zu werfen und über alles, was süß schmeckt, das Urteil zu sprechen, so schwer, die Qualität zu erkennen, die nicht nach süß und sauer zu beurteilen ist.“

„Da Watte weich sei, solle sie unmittelbar als Ausdruck der Weichheit genommen werden“, schreibt Glaser. Da bei den Präraffaeliten der Duktus feinlinig, grazil und festkonturiert ist, soll er unmittelbar als Ausdruck des Schöngliedrigen und Anmutigen stehen. Und da bei Muehl das Zupackende heftig ist und das Material gern einmal fäkalisch, sollen sie unmittelbar als Ausdruck eben seiner Zupackendheit und Virilität stehen. Muehl ist saurer Kitsch. Zweifellos. Und die Präraffaeliten sind süßer Kitsch. Womöglich. Ein Unterschied indes bleibt: In der Moderne ist Hässlichkeit eine Platitüde, Schönheit aber eine Herausforderung. Die Präraffaeliten sind jedenfalls subversiver als die Aktionisten.

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