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Einschreibungen der Seele: Louise Bourgeois - Ein Nachruf

Astrid Mayerle, 01.06.10

Louise Bourgeois erlebte fast ein ganzes Jahrhundert. Eine bestimmte Zeittypik hat sich in ihrem Werk nie manifestiert, denn sie entwickelte eine ganz eigene, archaisch wirkende Symbolik, kreierte ihre eigenen Mythologien von Fruchtbarkeit und Weiblichkeit. Am ehesten spürt man in Werken wie „The Destruction of the Father“ - „Die Vernichtung des Vaters“ - oder „The Reticent Child“ - „Das verschlossene Kind“ - Parallelen mit Psychologinnen wie Alice Miller, die etwa über kindliche Traumata schrieb. In jedem Fall war Louise Bourgeois interessiert an seelischen Einschreibungen und hatte eine große Souveränität, sich zu Ängsten und Unsicherheiten zu bekennen und damit zu arbeiten, denn die Kunst war für sie auch ein Weg zur Überwindung oder Überschreibung von Ängsten: „Mein Vater redete pausenlos. Ich hatte nie Gelegenheit, etwas zu sagen. Da habe ich angefangen, aus Brot kleine Sachen zu formen“, erzählte sie einmal in einem Interview. So entkam sie einerseits der kindlichen Sprachlosigkeit. Und gleichzeitig hielt sie das Bewusstsein von kindlichen Zuständen aufrecht. Künstler wird jemand, der nicht erwachsen werden will, war ihre Überzeugung, mit der sich auch andere Vorstellungen verbinden: der Körper als Ort der Erinnerung und als Ausdruck seelischer Verfassung. Oft beschreiben die Proportionen ihrer Skulpturen Machtverhältnissen und die Fragilität des Selbst, etwa die riesige Spinnenplastik, deren dünne Beine je nach Lesart ein Gefängnis bilden oder einen Zufluchtsraum überspannen.

Die 1911 in Paris geborene Künstlerin arbeitete lange Zeit im Stillen, verlagerte nach der Heirat 1938 ihre Aktionsradien nach New York und stellte dort erstmals Mitte der 40er Jahre aus. Sehr spät wurde sie international wahrgenommen. Galeristinnen wie Barbara Gross aus München erkannten, dass Louise Bourgeois einen ganz eigenen Zugang zu Aspekten von Weiblichkeit hatte. 1992 stellte die damals 70jährige Louise Bourgeois erstmals auf der documenta IX in Kassel aus, im darauf folgenden Jahr vertrat sie die Vereinigten Staaten auf der Biennale in Venedig. Bis zuletzt hat sie gearbeitet und pflegte ihren wöchentlichen Salon, zu dem sie Freunde aus allen Generationen einlud.

Im Alter von 98 Jahren ist Louise Bourgeois am 31. Mai in New York gestorben.

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