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Der Keim der Kunst

Mehr als ein Jahrzehnt lang gab es in Österreich eine Kunstzeitschrift, die sich den exzentrischen Namen \"Noema\" leistete. Das Magazin existiert nach wie vor, doch mittlerweile hört es auf die Lingua Franca der Gegenwart, das Pidgin English, und nennt sich \"frame\". Schade ist diese Umetikettierung, aber vermutlich notwendig. Ein titelgebender Begriff, der aus der Phänomenologie stammt und den Stoff, das Material, die Dinglichkeit dessen, was eine Erscheinung ausmacht, in den Mittelpunkt rückt, hat die Grenze zum Versponnenen längst überschritten.

Nun hat Ingo Nussbaumer, Künstler der eher abstrakten und Denker der eher strengen Richtung, Abbitte geleistet an der Lehre von der Identität und der Alterität jener Dinge, die aufs Tapet kommen, wenn sie uns erscheinen. Nicht weniger als einen \"Beitrag zu einer Noetik der Kunst\" verspricht die Publikation, die er soeben in der Edition Splitter vorgestellt hat. Noesis ist das Pendant zu Noema und meint eben nicht die Stofflichkeit der Phänomene, sondern ihre mentale, geistige oder - mit Verlaub - transzendentale Dimension. Eben ihre Idee.

Von allen Phänomenen hat sich Nussbaumer jenes vorgenommen, für das er und sein Metier vorrangig zuständig sind: Das Bild, das nicht zufällig momentan höchste Konjunktur hat. Wenn die Gegenwart damit Probleme bekommt - und die Fülle an Büchern, die in den letzten Jahren erschienen sind, mag dafür stehen -, so liegt das für Nussbaumer daran, dass man bis dato zuwenig darüber nachgedacht hat. Ein solcher Mangel an Reflexion lässt sich seinem Opus Magnum nun nicht vorwerfen (wenn auch, sorry, vielleicht ein kleines Defizit an Gelesenem: Hans Beltings \"Bild-Anthropologie\" kommt in Nussbaumers Nachdenken vor, Reinhard Brandts \"Die Wirklichkeit des Bildes\" und Lambert Wiesings \"Die Sichtbarkeit des Bildes\", um nur Deutschsprachiges zu nennen, hat er übersehen).

Die momentane Bildwissenschaft kümmert nicht der Unterschied von Bildern, die Kunst sind, zu solchen, die es nicht sind. Nussbaumer kümmert er auch nicht, doch nicht weil ihm die Kunst egal wäre, sondern aus naheliegendem Grund wegen des exakten Gegenteils. Für ihn, ganz Avantgardist, trägt alles den Keim der Kunst in sich. Deswegen ist sein Werk in erster Linie ein Manifest. Eine Programmschrift. Ein Künstlerbuch. \"Die Idee des Bildes\" liefert ein Bild von einer Idee.

Ingo Nussbaumer: Die Idee des Bildes - als Beitrag zu einer Noetik der Kunst
Wien: Edition Splitter 2002, 160 Seiten
ISBN 3-901190-86-4

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