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Thomas Feuerstein - where deathless horses weep: In der Molekularküche des Gesellschaftsgenetikers

Thomas Feuerstein zitiert in seiner aktuellen Ausstellung ein naturwissenschaftliches Experiment und schafft eine Laborsituation der Kunst, in der das Sprechen über Kunst molekulare Skulpturen hervorbringt. Ausgangspunkt seiner neuen Werkzyklen sind Objekte, Malerei, Grafiken, raumgreifende Skulpturen und eine biochemische Installation. Der Künstler Feuerstein postuliert in seinen Arbeiten die textliche oder bildliche Übersetzung der Abläufe und Handlungsweisen, der Symbole oder der „dämonischen“ Codes, die unsere sozialen oder biologischen Strukturen bewusst oder unbewusst mitbestimmen. Das Gespräch der Ausstellungsbesucher löst zwischen den Elementen im Raum – den Arbeiten some velvet mourning (eine biochemische Installation, basierend auf Stanley Millers Konzept der Ursuppe von 1953) und where deathless hores weep (eine bronzene Pferdeskulptur, an der feuchte Luft kondensiert und zu Eis gefriert) – einen biochemischen Prozess aus. Eine weitere Vernetzung des konzeptuellen Ausstellungsnarrativs wird mit den Arbeiten genius in the bottle, bestehend aus 72 Flaschenobjekten, Grafiken in Email und auf Spiegelglas sowie der wandfüllenden kartographischen Zeichnung einer Landkarte bewirkt. Die Koppelung zwischen den gesprochenen Worten und den molekularen Bindungen erschließt sich über die Formel „Trinken, sprechen, destillieren“: Je mehr feuchte Luft über die Mundhöhlen der Besucher durch ihr Sprechen entsteht, desto reichhaltiger wird das Kondensat für die chemische Synthese - und je mehr hochprozentiges Destillat daraus resultiert, desto gesprächiger werden die Menschen. „Das Sprechen über Kunst wird zum Material von Kunst für Elixiere, […] in denen Flaschengeister als Enzyme, Katalysatoren und Programme auf ihre Medien warten“, informiert ein Begleittext. Aus Aminosäuren, Glukose und Ethanol wird „Kunst“ - ähnlich der Herstellung von Likör - erzeugt. Der vorangegangene Kunstdiskurs im Ausstellungsraum wird aus einer vormals hochgiftigen Ursuppe zu einem chemischen sublimierten Spirituosengemisch, das in Flaschen abgefüllt sichtbar und trinkbar wird. Das naturwissenschaftliche Zitat zu Fragen nach der Ursubstanz, unter welchen Bedingungen Lebensformen entstehen, paraphrasiert Feuerstein in Richtung einer anthropologischen Evolution, die analog zur „Ursuppe“ von einer kulturellen Suppe ausgeht ausgeht. Die biologischen Konglomerat-Suppen sind als metaphorische Gestalten anzusehen, die sich zu komplex-abstrakten bis hin zu unbekannten, dämonischen Ordnungsprinzipien formieren. Daraus erwachsen gesellschaftspolitische oder ökonomische Kontrollmechanismen wie Gesetzgebung, Überwachung, Medien, Kapitalflüsse usw. Aus einer permanent fortschreitenden Neo-Genese entstehen unsere modernen Lebenskulturen und -welten, wobei die Kontrollmechanismen ebenso impliziert sind wie der Wunsch nach Freiheit und Unabhängigkeit. Paradox daran ist, dass sich die kultivierte Lebenswelt per se einer naturfeindlichen Haltung bedient, gleichzeitig jedoch ihre Furcht vor dem endgültigen Verlust der Natur eingesteht. Thomas Feuersteins zentrales Hauptthema, das Verhältnis zwischen Individuum und Gesellschaft kritisch zu hinterfragen, erfährt mit der aktuellen Präsentation erneut eine „offene“ Betrachtungsweise der Genese und der in ihrer wirksamen Genien, sprich Dämonen.
Thomas Feuerstein - where deathless horses weep
07.02 - 10.04.2010

Galerie Elisabeth & Klaus Thoman
6020 Innsbruck, Maria-Theresien Straße 34
Tel: +43-1-512 -57 57 85, Fax: +43-1-512 -57 57 85 13
Email: galerie@galeriethoman.com
http://www.galeriethoman.com
Öffnungszeiten: Mi-Fr 12-14 h


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