Die Tier-Zeitmaschine
Kai Artinger, 18.06.10
Wer Walton Fords riesiges Affenbild „The Sensorium“ (2003, 152,4 x 302,3 cm) betrachtet und an die europäische Tiermalerei des 19. Jahrhunderts denkt, wird an den Affenmaler Paul Meyerheim (1842-1915) erinnert. D. h. an jenen Berliner Salonmaler der Gründerzeit, dessen Spezialität Affenszenen waren und dessen „Affenbankett“ heute in der Sammlung des Harvard Museum in Boston ist. Und gerade dieser Vergleich von Fords Bild mit Meyerheims Tiergenre von 1865 offenbart, wie offensichtlich die Parallelen sind – und die Unterschiede auch.
Der 1960 in Larchmont im Bundesstaat New York geborene und heute in Massachusetts lebende Ford war fasziniert von den Ausstellungsstücken des New Yorker Naturkundemuseums und den Werken von Tierillustratoren wie dem berühmten Ornithologen und Tierzeichner John James Audubon (1785-1951). Ford setzte sich intensiv mit der Tierdarstellung des kolonialen und industriellen Zeitalters auseinander und entwickelte mit seinen großformatigen Bildern einen ganz eigenwilligen Stil, der mit Absicht an seine Inspirationsquellen erinnern will. Dem modernen Tiermaler ist die zoologische Detailgenauigkeit seiner Bildgegenstände nicht weniger wichtig als sie es seinen Vorläufern gewesen war, und wie diese will er mit seinen allein schon wegen ihrer großen Formate beeindruckenden Aquarellen zivilisations- und kulturkritische Geschichten erzählen. Mit dieser Intention steht er ganz im 19. Jahrhundert, in dem sich die Gattungen des Tiergenre- und Tierhistorienbildes entwickelten. Nicht zufällig ist Fords monumentale Eisbärenszene in „Novaya Zemlya Still Life“ (2006) in ihrer Zivilisationskritik geistesverwandt mit Edwin Landseers Gedächtnisbild „Man proposes, God disposes“ (1863-64), das an die Katastrophe der Polarexpedition von Benjamin Franklin erinnert.
Das allegorische Moment von Fords Tierbildern ist nicht zu übersehen. Etwa die Allegorie auf den Überlebenskampf des tasmanischen Beutelwolfs in „The Island“ (2009), einem wie ein Triptychon komponiertes Bild, das an die Ausrottung des australischen Säugers erinnert. Nach der Einführung von Schafen durch die Siedler kam das Raubtier in Verruf als angeblicher „blutrünstiger Jäger“.
Die Ausstellung stellt den Bildern historische Texte und Zeitzeugenberichte gegenüber und wirft dadurch interessante Schlaglichter auf das Mensch-Tier-Verhältnis im Verlauf der Geschichte. Dem heute ökologisch geschulten Betrachter wird dadurch Gelegenheit zur Reflexion gegeben.
Zu Recht weisen die Kuratoren Fords Werk als ein „Solitär“ in der Gegenwartskunst aus. Es ist zweifellos erstaunlich und die Malerei, die sich einer Mischtechnik aus Aquarell- und Gouachefarben, Tinte und Bleistift auf Papier bedient, überrascht durch die locker gesetzten Pinselstriche. Erst aus der Entfernung entsteht die Lebendigkeit der Gefieder und Felle. Doch bei längerer Betrachtung des Werkes drängt sich die Frage des „Zeitgemäßen“ der künstlerischen Mittel auf. Damit ist gemeint, was diese Ausdrucksformen der Tiermalerei des 19. Jahrhunderts heute noch Neues über die Lage unseres Planeten aussagen können. Wird hier nicht vielleicht eine alte Kunstform zum manieristischen Stilmittel?
Wie immer die Antworten ausfallen, für jeden Menschen, der Interesse an Tierdarstellungen und/oder an zeitgenössischer US-amerikanischen Malerei hat, bietet die Kunstausstellung ungewöhnliche Einblicke.

1010 Wien, Albertinaplatz 1
Tel: +43 1 534 83 -0
Fax: +43 1 533 76 97
email: info@albertina.at
http://www.albertina.at












