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Bobbio

„Die Wahrheit ist – aber es ist schwierig, das einem Jüngeren begreiflich zu machen -, dass der Abstieg ins Nirgendwo sehr lange dauert, länger als ich jemals gedacht hätte, und dass er langsam ist, so langsam, dass er kaum wahrnehmbar scheint (ich spüre ihn allerdings durchaus). Der Abstieg ist unaufhaltsam und, was schlimmer ist, unumkehrbar: du steigst jedesmal nur eine kleine Stufe herab, aber sobald du den Fuß auf eine tiefere Stufe gesetzt hast, weißt du, dass du nicht mehr auf die höhere zurückkehren wirst. Wie viele es noch sind, weiß ich nicht. Über eines jedoch herrscht kein Zweifel: es werden immer weniger.“ Er war nicht 62, wie Cicero, sein antiker Vorgänger im Nachdenken über „De Senectute“, als er dies schrieb, sondern weit über achtzig. Im Alter zwischen 85 und 87 Jahren brachte Norberto Bobbio seine Gedanken über eben dieses Alter zu Papier, und was er formulierte, hatte er am ureigenen Leib erfahren. Bobbio ist einer der großen Politologen des Jahrhunderts. Seine Schrift, die er in Anlehnung an die Alten seinerseits „De senectute“ betitelt hatte, ist gleichwohl sein Vermächtnis. Er ist darüber, wer könnte es nicht nachvollziehen, lebensweise geworden. Noch ein Satz aus seinen bei Wagenbach 1997 auf deutsch erschienenen Überlegungen: „Das stärkste Argument für die Behauptung, der Tod sei das definitive Ende, der Tod sei wirklich der Tod, ist die Tatsache, dass man nur einmal stirbt. Das Ende des Lebens ist gleichzeitig das erste und das letzte Ende. Auch wer ein zweites Leben nach dem Tod annimmt, schließt einen zweiten Tod aus, denn das zweite Leben ist, wenn es existiert, ewig, es ist ein Leben ohne Tod.“ Norberto Bobbio hat dann noch fast zehn weitere Jahre gelebt. 2004 ist er gestorben. Am heutigen Sonntag wäre er hundert geworden. „Die Zeit drängt. Ich müsste schneller werden, um noch rechtzeitig anzukommen, stattdessen erlebe ich Tag für Tag, dass ich gezwungen bin, mich immer langsamer zu bewegen. Ich benötige mehr Zeit und habe dennoch immer weniger.“

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