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Buchkunst

Täglich ist der junge Mann zu Thalia gegangen. Thalia, das ist eine Kette für die bibliographische Nahversorgung, bei der die immer selben Bücher appetitlich zu Tischgedecken arrangiert werden, um den Kunden auf den Mainstream-Geschmack zu bringen. Täglich war der junge Mann ebendort, hat, um einen Anfang zu setzen, James Salters im Berlin Verlag erschienenen Roman „Ein Spiel und ein Zeitvertreib“ erworben, und war tags darauf erneut vor Ort, um es zurückzugeben und das ausgegebene Geld wieder einzukassieren. Am übernächsten Tag ist er abermals in der Filiale, hat Salters Buch wieder gekauft, um es 24 Stunden später wieder hinzubringen, und so weiter. So weiter, bis die Tage ausgereicht haben, das Buch, denn das hat er in der Zwischenzeit auch getan, durchzulesen. Als er fertig war und sich zum letzten Mal den Betrag wieder erstatten ließ, hinterlegte er im Buch einen Zettel, auf dem stand „The End“. (Abbildung: Aufbau bei der Frankfurter Buchmesse; © Frankfurter Buchmesse) Dass Thalia unsympathisch ist, ließe sich rechtfertigen, wenn es ein Discounter wäre. Ist es aber nicht, es gibt dort nichts billig, außer dem „modernes Antiquariat“ genannten Ramsch, der überall ausliegt. Was Thalia stattdessen bietet, ist ein gewisser Service, eine Großzügigkeit gegenüber dem Kunden und seinen Marotten, und das genau hat sich der junge Mann für sein Spiel mit dem Zeitvertreib zunutze gemacht. Er hat sich darauf auch bei einer anderen Idee berufen. In einem jener bibliophilen Biotope, wie sie jede Stadt besitzt und wie sie insgesamt vom Aussterben bedroht sind, hat sich der junge Mann ein Buch gekauft. Damit ist er zu Thalia, um es umzutauschen, denn Thalia nimmt jedes Buch zurück. Der junge Mann konnte keine Quittung vorweisen, schließlich hatte er das Werk bei der Konkurrenz gekauft, so bekam er zwar kein Geld, aber er bekam einen Gutschein. Mit diesem Bon ist der junge Mann am nächsten Tag wieder zu Thalia und hat ihn gegen ein Buch eingetauscht, für das er nun einen Kassenbeleg bekam. Mit diesem Beleg und dem gekauften Buch ist der junge Mann abermals bei Thalia erschienen, hat Buch und Beleg zurückgegeben und dafür endlich Geld gekriegt. Das Ergebnis der Prozedur: Thalia hat beim kleinen Händler eingekauft, und das zum vollen Preis. Natürlich ist für diesen Preis auch ein Preis zu entrichten. Er besteht aus dem unermüdlichen Einsatz des jungen Mannes und den vielen Wegen, die er um der Belletristik willen zurückgelegt hat. Um der Belletristik und um des Projektes willen, denn der junge Mann ist ein angehender Künstler, und weil er noch studiert, sei sein Name hier auch zurückgehalten. Man wird von ihm hören. Aus Anlass der Buchmesse jedoch soll das, was er als Kunst macht, allen als alltägliche Praxis empfohlen werden. Angewandte Conceptual Art. Umtauschaktionen en gros. Es lohnt sich.

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