Werbung
,

Unsterblichkeit

Ganz früher hätte er eine Widmungsseite bekommen. Buchmalerei. Bedeutungsperspektive, er größer als alle anderen. Huldigungsinstanzen nähern sich von rechts und links seinem Thron, der aussieht wie der Herzogstuhl. Er mit den Insignien seiner Macht in den Händen, dem Reichsapfel vielleicht wie sein Vorgänger Arnulf und einer Schriftrolle mit den Ergebnissen der Abstimmung von 1920. Carinthia, Slovenia, Austria, Europa knien demutsvoll vor ihm, hinter ihm liegt ein Liktorenbündel, die Fasces, denn das haben die Alten und auch die Jungen Römer gern bei sich getragen, und er ist doch einer von ihnen. Später hätten sie seinetwegen den Großen Wappensaal des Landhauses neu ausgestattet. Eine Deckenmalerei hätte er bekommen, mit einer Apotheose in der Mitte und den vier Jahreszeiten, den vier Elementen und den vier Erdteilen am Rand. Die Entrückung in den Himmel hätte die Fama besorgt, der Ruhm, die Kardinaltugenden Weisheit – Gerechtigkeit – Tapferkeit - Mäßigung hätten mitgeholfen, alles Irdische zu überwinden, und oben hätte Apoll gewartet, der Sonnengott, um ihn mit Kasnudeln zu bekränzen. (Abbildung: Widmungsbaltt aus dem Evangeliar Ottos. III.) Noch später wäre es ein Reiterdenkmal gewesen. Bronze, er auf seinem Lieblingsbraunen, Phaeton mit Namen, wie es sich aufbäumt über den Besiegten zu seinen Füßen, den Türken, den Slawen, den Sozis. Er reckt die Rechte, um den Weg zu weisen Richtung Horizont der Wohlfahrt für alle, die sie nur wollen. Nur auf den beiden Hinterbeinen steht das Ross mit seinem Reiter, wem Kärnten gehört, der meistert auch die Schwerkraft. Jetzt haben ihm die Bildzeitung und ihr Österreich-Pendant Österreich das Jubiläum gestaltet. Mehr als einen Jahrestag haben sie nicht für ihn, und viele Schmutzkübel, die sie termingerecht ausleeren. Ein Museum, die zweite Möglichkeit zum Einwattieren ins Nirwana, hat er auch bekommen. Doch das ficht ihn alles nicht an. Denn er lebt. Er lebt, und er betreibt eine Tankstelle im Mittleren Westen. Zusammen mit Elvis und Michael Jackson.

Ihre Meinung

Noch kein Posting in diesem Forum

Das artmagazine bietet allen LeserInnen die Möglichkeit, ihre Meinung zu Artikeln, Ausstellungen und Themen abzugeben. Das artmagazine übernimmt keine Verantwortung für den Inhalt der abgegebenen Meinungen, behält sich aber vor, Beiträge die gegen geltendes Recht verstoßen oder grob unsachlich oder moralisch bedenklich sind, nach eigenem Ermessen zu löschen.

© 2000 - 2020 artmagazine Kunst-Informationsgesellschaft m.b.H.

Bezahlte Anzeige
Bezahlte Anzeige
Gefördert durch: