“Schöner Wohnen“ im Belvedere
Renate Quehenberger, 26.10.09
„Das Unerwartete das Sie erwartet haben“ - Kunst als Meterware
Die Ausstellung verspricht eine Gratwanderung zwischen Kunst und Design. "Kunst ist zwecklos und besetzt einen Raum, der getrennt ist vom Raum funktionaler Gegenstände.", definierte Richard Artschwager den Umgang mit Kunst-Objekten, die, wie in seinem Fall, von Möbeldesign eigentlich ununterscheidbar sind.
Somit wird Frage nach Kunst längst nur mehr im Kontext entschieden: Auf einer Möbelmesse würden die „Musterzimmer“ einfach als hippe Messestände gelten und die Stoffkollektionen bezüglich allgemeiner Mode-Trends diskutiert, während in einer Kunst-Ausstellung wie dieser, die “persönlichen Positionen“ der Künstler hinterfragt werden.
Der Kurator, noch- MUMOK-Direktor Edelbert Köb, versammelte etliche seiner Lieblingskünstler um der Fa. Backhausen, bekannt für ihre Textilkunst-Tradition, zu einer zeitgenössische Linie zu verhelfen. Die Firma Wittmann offerierte dazu möbeltechnische Kooperation.
Wer könnte heute an die große Zeit der Wiener Werkstätte anschließen? - Nicht Textildesigner, sondern Künstler, die sich selbst bereits zu Marken hochstilisiert haben, sind für den Design-Markt interessant. In den 80-iger Jahren wurde das Spiel mit der Dekoration von Neo- Geo-Vertretern, wie Kogler und Rockenschaub, den wohl prominentesten Ausstellungsbeteiligten, schon praktiziert.
Hier erweitert Peter Kogler seine bestehende Stoffkollektion um eine Variante der Computer- Netzgrafik, die unlängst in seiner Personale im MUMOK als Tapete zu sehen war. Dieser Raum aus topologischen Verschlingungen wird in der textilen Umsetzung noch fließender. Indem er darin einen Teppich mit pixeliger Gehirnstruktur (Fa.Tai Ping) von einer nackten Glühbirne beleuchtet, erzeugt er die Assoziation von Licht in einem höherdimensionalen Raum.
Gilbert Bretterbauer verhängt seinen Raum mit einem Netz einander überschneidender Kreise aus bunten Satin-Schlaufen (aus dem eigenen Atelier). Dahinter scheinen die Objekte mit überbordenden Mustern auf Stoffen (S/W-„Supraspirit“ Damast), Möbeln und Teppich (erzeugt von Fa.Tai Ping) über fließende Grenzen hinweg, in einer psychedelischen Wirklichkeit, miteinander zu interferieren. Ein Tischchen-Objekt mit ausgesägtem Text, „Leere... vacany“ von Irene und Christine Hohenbüchler, bildet als farb- und musterloses Vakuum im Zentrum, ebenso einen Kontrast dazu, wie die Bretterwand von Florian Schmidt.
Florian Pumhösl erhebt sophisticated Webfehler zum gestalterischen Element und persifliert die Ästhetik einer Messe-Koje - Eine Attitude der Kunstverweigerung, die nur vom „Dienstleister“ höchstpersönlich übertroffen wird:
Gerwald Rockenschaub stellt ein Sofa von Friedrich Kiesler mit vielsagend betiteltem “candy covered conspiracy“ -Muster vor eine rundum mit strengem blau-grau-schwarzem Kubusmuster bespannte Koje. Seine Stoffe schließen stilistisch am ehesten an die Tradition der Wiener Werkstätte an, und eignen sich hervorragend für jede Chefetage.
Esther Stocker gestaltet alle Innenflächen ihres abstrahierten Raumes gleichrangig mit Tisch - und Lampenelementen. Ihre ansonsten groben schwarzen Balken setzt sie im Stoffdesign zarter um. In der Köperbindung bekommen sie einen Grauton, wirken somit weniger hart und werden dadurch kommerzieller.
Lisa Ruyter hat eine stimmungsvolle Jugenderinnerung - die jubelnde Menge bei einem Konzert - aus einem poppig flächigen Gemälde in figurative Ornamentik transformiert, die in harmonischen, warmen Erdtönen mittels webtechnisch aufwändiger Jaquards realisiert wurden.
Es bleibt dabei - der Blickwinkel, entscheidet, ob es sich um eine Kunst-Schau oder um angewandte Kunst handelt. Wie schon Marcel Duchamp, der große „Erfinder“ dieser Gratwanderung, verlangte, sind die Rezipienten immer an der Kunstproduktion mitbeteiligt und diesmal können sie die (angewandte) Kunst sogar unbegrenzt, „jaquin à son gout“, meterweise zu sich nachhause nehmen.

1030 Wien, Prinz-Eugen-Strasse 27
Tel: +43 1 795 57-0
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email: info@belvedere.at
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Öffnungszeiten: Täglich 10 bis 18 Uhr

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Belvedere
Wiener Musterzimmer
23.09.2009 bis 24.01.2010

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