Formale Feinmechanikerin

Nina Schedlmayer, 22.03.09

Ein düsteres Triptychon, auf dem sich eine Mondsichel, Flammen, ein weiblicher Körper, der an Stelle der Scham ein Korsett hat und Zacken, die von einer Kreissäge stammen könnten, ausbreiten: Derartiges ist man von Birgit Jürgenssen nicht gewohnt (was wiederum, so ist an dieser Stelle routinemäßig einzufügen, ihrer himmelschreienden Unterpräsenz im speziell im Wiener Kunstbetrieb geschuldet ist).

Die Arbeiten, die Galerist Hubert Winter derzeit ausstellt, sind alle aus den 1980er-Jahren, und Jürgenssen erweist sich in ihnen bisweilen als eine, die ihrer Zeit voraus war, dann wieder dem Zeitgeist verpflichtet scheint: Spontan fallen einem etwa vor ihren ebenso feinen wie fiesen sexuell aufgeladenen Aquarellen Tracey Emins Arbeiten auf der vorigen Biennale ein, die freilich weitaus expliziter ausgefallen sind. Anderswo lassen Jürgenssens Arbeiten an die von Maria Lassnig denken – etwa, wenn ein kantiges Gesicht mit Schweinchen-Nase auf Stümpfen daherkommt; ebenso wie jenes große Gemälde, auf denen Figuren auf der Leinwand verteilt sind, Stöcke schwingen, gesichtslos und mit Judo-Anzügen angetan ein mysteriöses Spiel zu treiben scheinen.

Jürgenssens formale Präzision erweist sich in solchen Werken ebenso wie etwa in dem friesartigen Foto – offenbar in einer Zeitung aufgefunden – von einer am Boden liegenden Seilspringerin, die ihr Sportgerät wie eine Fessel um ihren Körper spannt. Dadurch, dass das Foto exakt an den Körperenden – Kopf und Fuß – abgeschnitten ist, erscheint die Sportlerin noch mehr wie eine Gefangene. Weniger aufregend erscheinen neben der beklemmenden Spannung einer Arbeit wie dieser Jürgenssens Projektionen: Auf goldglänzende Körper wirft sie Bilder, manchmal einfache Zeichen, manchmal Figuren wie etwa Sphingen – einzig deren Rätselhaftigkeit und der farbbedingte sakral-mystische Touch gehen über die zu jener Zeit so verbreitete feministische Körperkunst hinaus.

Birgit Jürgenssen wird wohl, so zeigt diese Ausstellung einmal mehr, noch Generationen von Kunsthistorikern Denkaufgaben geben. Im Herbst würde sie ihren 60. Geburtstag feiern. Bisher hat noch keines der vielen Museen, die sich der Kunst des 20. Jahrhunderts widmen, ihr Gesamtwerk adäquat präsentiert. Auch für heuer ist nichts fixiert. Dieser Umstand ist nichts weniger als skandalös – und auch Anfang des 21. Jahrhunderts kann die Frage nicht ausbleiben, wie wohl ein männlicher Künstler mit einem Oeuvre vergleichbarer Qualität in Wiens Museumslandschaft präsent wäre.


Tipps

 

Galerie Hubert Winter
1070 Wien, Breite Gasse 17
Tel: +43 1 524 09 76
Fax: +43 1 524 09 76 9
email: office@galeriewinter.at
http://www.galeriewinter.at
Öffnungszeiten: Di-Fr 11 - 18, Sa 11 - 13h




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Galerie Hubert Winter
Birgit Jürgenssen - Arbeiten aus den 1980er Jahren

13.03.2009 bis 25.04.2009

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