Werbung
,

Christoph Weber - Young and Reckless 1: Die Spuren des Materials

Schon die Barrikaden des Pariser Mai 1968 waren Zitate, ihr Kontext die Geschichte: In ihrer spontanen und chaotischen Positionierung dienten sie weniger der Abwehr konterrevolutionären Übels als dem historischen Verweis. Sie aktivierten die kulturelle Erinnerung an ein anderes Ereignis, als es schon einmal um alles gegangen war: die Pariser Commune. Der Aufstand der Pariser Bürgerinnen und Bürger wurde nach knapp zwei Monaten im Mai 1871 blutig niedergeschlagen und dort, wo ihre letzte Barrikade stand, hat Christoph Weber einen Pflasterstein entnommen. Repliziert hat er ihn in Pappmaché aus französischen Büchern aus der Zeit bis 1871. Ein ganzer Haufen davon liegt nun in der BAWAG Contemporary in Wien. Und hier und da finden sich noch Wortfetzen auf der rauen Oberfläche des getrockneten Papiermatsches, als gemahnten die Steinattrappen an das Marx´sche Diktum, dass die Waffen der Kritik die Kritik der Waffen nicht ersetzen könnten. Ganz ohne Worte hingegen mussten die Agitatoren im 30jährigen Krieg angesichts hoher Analphabetenraten häufig noch auskommen. Sie bedienten sich erstmals massenhaft der Karikatur und dem kupfergedruckten Flugblatt. Aufsteigende Rauchwolken aus einer solchen Zeichnung von 1631 hat Weber nun vergrößert und wandfüllend installiert – aus Kupferstreifen. Es ist das Material, das er befragt. Dass es Weber um den Umgang mit dem Rohstoff geht, wird in der dritten hier gezeigten Arbeit noch bekräftigt, einer in drei verschiedenen Variationen – gestapelt, gehängt, gehäuft – gruppierten Gruppe zerbeulter Blechplatten. Webers spezifische Handhabung des Materiellen aber legt gerade nicht nur Oberflächen frei, sondern auch Sozialgeschichte. Denn die Spuren im Material werden kurzgeschlossen mit den Prägungen, die dieses im Sozialen hinterlässt. Dabei ist es weniger das Problem der Legitimität von Gewalt, das hier in den Feuerdunstwolken oder dem Pflasterstein aus Pappe zur Debatte steht. Vor diesem spezifischen Inhalt steht vielmehr die allgemeine Frage, die selbst die Blechbeulen durch ihre unterschiedliche Anordnung noch aufwerfen und die Weber sprichwörtlich aus dem Material herausholt: Es ist die Frage danach, welcher Kontext das Medium zum Sprechen bringt.
Christoph Weber - Young and Reckless 1
04.12.2008 - 04.01.2009

BAWAG P.S.K. Contemporary
1010 Wien, Franz Josefs Kai 3
http://www.bawagpskcontemporary.at
Öffnungszeiten: täglich 14-20h


Ihre Meinung

Noch kein Posting in diesem Forum

Das artmagazine bietet allen LeserInnen die Möglichkeit, ihre Meinung zu Artikeln, Ausstellungen und Themen abzugeben. Das artmagazine übernimmt keine Verantwortung für den Inhalt der abgegebenen Meinungen, behält sich aber vor, Beiträge die gegen geltendes Recht verstoßen oder grob unsachlich oder moralisch bedenklich sind, nach eigenem Ermessen zu löschen.

© 2000 - 2019 artmagazine Kunst-Informationsgesellschaft m.b.H.

Bezahlte Anzeige
Bezahlte Anzeige