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Karl Valentin - Filmpionier und Medienhandwerker: Avantgardist aus halbem Willen

Dass Karl Valentin eigentlich ein unvergleichliches komisches Talent war; dass er, würde man ihn denn bemühen, einem Vergleich mit solchen Kinogöttern wie Charlie Chaplin und Buster Keaton aber trotzdem standhalten könnte; und dass er in seiner möglichen internationalen Karriere weniger an sich selbst – so wie in seinen Filmen, wo er ständig mit seiner eigenen Körperlichkeit hadert und sich in seiner Sprache verheddert –, sondern zuerst an den (visionären und monetären) Unzulänglichkeiten des nationalen Filmwesens und dann an den Zulänglichkeiten des nazistischen Filmwesens scheiterte, das keine, wenn auch noch so humorvoll verbrämte Sozialkritik wollte, aber dafür die heile Welt vorzugaukeln wünschte, die draußen inzwischen in Trümmer ging: All das wusste man seit langer Zeit, spätestens jedoch seit Valentins großer Wiederentdeckung 1982 anlässlich seines 100. Geburtstages, und davon kann man sich natürlich auch in dieser Ausstellung, die ansonsten mit den üblichen Devotionalien wie Requisiten, Filmplakaten, Programmzetteln, Stills aufwartet, in gleich zwei Kinosälen ein heiteres Bild machen.

Dass Karl Valentin aber nicht nur ein Objekt der Filmgeschichte ist, sondern auch ein Subjekt der Mediengeschichte war, ein Pionier, der in einer Umbruchsituation die Unausweichlichkeit des Triumphs der technischen Medien – in einer Mischung aus Abwehr und Faszination – einsehen musste und sein künstlerisches Überdauern betrieb, indem er sich jene Medien auf zum Teil experimentelle Weise anverwandelte bzw. sie auch inhaltlich zu seinem Thema machte, davon handelt diese Schau im Besonderen. Das zeigt sich bereits in Valentins fotografischer Sammlung Münchner Volkssänger, die Archiv gewordene Trauer über eine untergehende Kultur, der er ja selbst entstammte, und zugleich eine Art Mnemosyne-Atlas der Groteskformeln, der ihm als Fundus für seine eigenen Auftritte diente; das erweist sich ferner an seinem drolligen Einfall, die Pausen seiner Bühnenauftritte für die Projektion von höchst unkonventionellen Lichtbildreklamen zu nutzen, in denen sein hintersinniger Humor ("Kluge Hausfrauen verwenden zum Kochen nur Persil!") sich sozusagen selbst bewarb. Und das lässt sich schließlich vor allem an jenen multimedialen Arrangements erkennen ("Der Flug zum Mond mit dem Raketenflugzeug", "In der Schreinerwerkstätte", beide 1928), wo Valentin Bühne, Film und Rundfunk kreuzt, um die Wirkung des – zumindest in Deutschland – noch nicht verfügbaren Tonfilms zu simulieren und solcherart im Letzten ein Gesamtkunstwerk zu schaffen, das vor ähnlich ambitionierten und zeitnahen Versuchen mancher Bauhäusler durchaus zu bestehen weiß. Also: Karl Valentin – ein Avantgardist?

Wie zutreffend diese Einschätzung sein könnte, demonstriert ein Blick auf ein weiteres von Valentins Projekten, das 1934 in einem Münchner Kabarettkeller eröffnete "Panoptikum", in dem sein subversiver, geradezu dadaistisch inspirierter Sprachwitz tatsächlich Gestalt annahm, in Form von Figuren, Objekten, Installationen, und folglich ein Ort, an dem der Irrsinn – eine erstaunliche Parallele zur Zeitgeschichte – Wirklichkeit wurde: Mit einem Schlag hatte sich Valentin auf diese Weise selbst musealisiert und somit gewissermaßen das Phänomen der Personal-Museen vorweggenommen, das heute ja ziemlich aktuell ist, und sich zudem als veritabler Konzept- und Installationskünstler ausgewiesen, noch bevor die Surrealisten auf ähnliche Streiche verfielen und ihre Schock-Kabinette einrichteten und lange bevor der "Konzept- bzw. Objekt- und Installationskünstler" kunsthistorisch approbiert wurde. Also: Karl Valentin – ein Avantgardist. Und mitnichten gilt für ihn daher sein: "Mögen hätt ich schon wollen, aber dürfen hab ich mich nicht getraut."
Karl Valentin - Filmpionier und Medienhandwerker
25.01 - 21.04.2008

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